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Kirsten Boie zum Siebzigsten : Einmal Reh sein!

Ihr Ton verbindet Ernst und Präzision mit einer bisweilen ganz einmaligen Leichtigkeit: Kirsten Boie. Bild: dpa

Mehr als „Der kleine Ritter Trenk“ und der „Möwenweg“: Sie vermag es, Dinge einfach darzustellen, um die das realistische Kinderbuch gern einen Bogen macht. Kirsten Boie zum siebzigsten Geburtstag.

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          Dass man Kinder, junge Leser zumal, „ernst nehmen“ soll, beteuern alle, die professionell mit ihnen zu tun haben, Verleger, Autoren, Leseforscher, Kritiker. Aber was heißt das? Ernst nehmen in ihren aktuellen Fähigkeiten oder in ihren Möglichkeiten? In ihren Wünschen oder in dem, was man sich selbst für sie wünscht? Auf den Buchmarkt bezogen, bedeutet das etwa: Druckt, verkauft, kauft man Einhornbücher oder was immer sonst gerade in diesem Segment massiv nachgefragt wird, oder wählt man lieber Bücher, die fraglos gut gemeint sind, aber nicht unbedingt begeistert in die Hand genommen werden? Und gibt es da nicht noch ein Drittes?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          In einer denkwürdigen Rede, die sie im Oktober 2007 zum Erhalt des Jugendliteraturpreises für ihr Lebenswerk hielt, ging Kirsten Boie dieser Frage nach. Sie berichtete von einem Abendessen mit einer Freundin und einer erregten Diskussion über Kinderbücher. Die Autorin, die damals schon Bücher wie „Paule ist ein Glücksfall“ (1985), „Wir Kinder aus dem Möwenweg“ (2000) und „Der kleine Ritter Trenk“ (2006) publiziert hatte, erklärte ihrem Gegenüber, dass man sich, wenn man für Kinder schreibe, eben nicht darauf verlassen könne, einzelne Signale zu setzen, um schon verstanden zu werden: „Statt Metaphern gebrauchen wir Vergleiche, Symbolik können wir ganz vergessen, und alles Mögliche muss immerzu erklärt werden. Je jünger unsere Leser sind, je begrenzter ihre Lebens- und Leseerfahrung, desto explizierter müssen wir in unseren Büchern werden.“

          Was heißt das für die Bücher? Der bequeme Weg wäre, mit dem Alter der Rezipienten auch alles andere zu reduzieren, den Satzbau, den Wortschatz, die Handlung. Der unbequeme und ungleich reizvollere wäre, Literatur zu schreiben, die auf diese von der Erwachsenensicht so verschiedene Perspektive Rücksicht nimmt und gerade daraus Funken schlägt, genuine Kinderliteratur statt eine Schwundstufe der Belletristik für Erwachsene zu verfassen.

          Wenn nur gut erzählt wird

          All das gibt es natürlich in Deutschland bereits, spätestens seit in den siebziger Jahren Peter Härtling und Christine Nöstlinger in dieser Hinsicht Maßstäbe setzten. Und mit dem Teil ihres Werks, der sich unverkennbar an unserer Realität orientiert, knüpft Kirsten Boie daran an – mit ihrem großartigen Bericht „Ein mittelschönes Leben“ etwa, in dem sie zu Illustrationen von Jutta Bauer das Leben eines Obdachlosen schildert, ganz ohne falschen Ton oder Anbiederung bei den Lesern im Grundschulalter, für die das Buch gedacht ist. Oder in „Bestimmt wird alles gut“, das 2016 erschienen ist und von einer syrischen Flüchtlingsfamilie erzählt. Auch hierin ist der besondere Ton der Autorin zu spüren, der Ernst und Präzision mit einer bisweilen ganz einmaligen Leichtigkeit verbindet, der Boie dazu befähigt, Dinge einfach darzustellen, um die das realistische Kinderbuch gern einen Bogen macht.

          Etwa eine Zeitreise in Boies Roman „Alhambra“, die Begegnung mit einer Seejungfrau in den „Nix“-Romanen oder die schöne Fabel „Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte“, die leichtfüßig eine ausgesprochen ernste Frage diskutiert: die nach Notwendigkeit und Freiheit, was hier heißt, nach unserem Vermögen, aus unserem Fuchssein auszubrechen und Reh zu werden, was naturgemäß bald an Grenzen stößt – aber was sind das für Grenzen, und wie können wir sie umgehen?

          Vielleicht ist das die Antwort, die Boie auf die Frage nach den Spezifika der Literatur für junge Leser bereit hat: dass die geringere Zahl an zur Verfügung stehenden Worten und Techniken durch die Bereitschaft mehr als wett gemacht wird, eine Geschichte, auch eine phantastische, erst einmal hinzunehmen, solange sie nur gut erzählt ist. An diesem Donnerstag feiert Kirsten Boie ihren siebzigsten Geburtstag.

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