https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/der-hirnforscher-gerhard-roth-wird-achtzig-18243679.html

Gerhard Roth wird achtzig : Feingeist mit Köpfchen

In seinem neurowissenschaftlichen Werkzeugkasten ist für jeden etwas dabei: Gerhard Roth Bild: picture-alliance/ ZB

Gerhard Roth ist ein Hirnforscher, der schwerwiegende inhaltliche Lücken seiner Disziplin nicht verschweigt. Heute feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

          3 Min.

          Was agiles Arbeiten im achten Lebensjahrzehnt für Gerhard Roth bedeutet, hat er zuletzt mit Gründung des Roth-Instituts gezeigt. „Unter Leitung des renommierten Hirnforschers Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth bieten wir wirkungsvolle Lösungen rund um die Themen Führung, Agiles Arbeiten, Persönlichkeitsdiagnostik und Chance Management durch Beratung, Vorträge und Seminare“, heißt es in der Selbstdarstellung des in Bremen und im schweizerischen Murten beheimateten Instituts. Ein Kurs über „Integratives Neuro-Coaching“ beispielsweise richtet sich „an Personen, die bereits eine Coaching-Ausbildung absolviert haben und ihre Praxis auf eine neurowissenschaftliche Grundlage stellen sowie ihren Toolkoffer um nachweislich effektive Methoden erweitern möchten.“

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          So schlägt der Neuro-Roth, wie er in Abgrenzung zum gleichnamigen Dichter genannt wird, in der Weiterbildungsbranche ein, die ihn 2019 mit der höchsten von ihr zur vergebenden Ehrung bedachte, dem Life Achievement Award (LAA). Im Roth-Institut lassen sich die Tools abgreifen, mit denen die Effizienzsteigerung der humanen Ressource determinierbar erscheint. Dessen Geschäftsführer Sebastian Herbst verbindet die Steigerungsperspektive mit einem der wenigen überhaupt verfügbaren Porträts Gerhard Roths: „Er ist sehr facettenreich und hat nicht nur Köpfchen, sondern auch Herz. Das zeigt sich besonders in seinem Umgang mit Kollegen, Kunden und Studierenden. Da erlebe ich ihn immer als sehr vertrauensvoll und hilfsbereit. Und er hat neben der naturwissenschaftlichen Seite auch noch eine feingeistige. So ist er kulturell und musikalisch sehr bewandert, was auch daran liegen mag, dass er vor der Biologie zunächst Germanistik, Musik und Philosophie studierte.“

          Gehirngerechtes Lernen?

          Als ein nicht nur in Zoologie, sondern auch in Philosophie promovierter Hirnforscher wehrt sich Roth dagegen, wenn ihn jemand für einen neurowissenschaftlichen Reduktionisten hält. Das sei er nicht, schreibt der langjährige Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen in seinem jüngsten Buch „Über den Menschen“, jedenfalls sei er kein Reduktionist des brachialen Typs. In dieser Schrift versucht sich Roth als Vermittler zwischen einer eher imperialistisch auftretenden, hermeneutische Ansätze suspendierenden Hirnforschung einerseits und ihren geisteswissenschaftlichen Kritikern anderseits. Bei aller Schärfe ihrer Kritik, so Roth, „ist zu konzedieren, dass sie oft auf schwerwiegende inhaltliche Lücken oder zumindest Mängel in neurowissenschaftlichen Darstellungen“ aufmerksam machten.

          Dass Roth selbst solch einer eindimensionale Herangehensweise an „den“ Menschen Vorschub geleistet haben könnte, legen Buchtitel nahe, aus denen in ihrer Prägnanz der Geist einer geschlossenen neurowissenschaftlichen Anthropologie spricht: „Wie das Gehirn die Seele macht“, „Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit“, „Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert“. Zu diesem Eindruck seiner Kritiker schreibt Roth in „Über den Menschen“, er habe stets „versucht, einen brachial reduktionistischen Standpunkt zu vermeiden“, das sei freilich „nicht immer wahrgenommen“ worden. Noch in dem von ihm mitverfassten, für nächste Woche angekündigten Buch „Schule mit Köpfchen“ steht das Köpfchen fürs Gehirn; als gebe es ein „gehirngerechtes“ Lehren und Lernen, das sich als solches von den Einsichten der Lernpsychologie unterscheiden lasse.

          Schmückt sich die Hirnforschung mit fremden Federn?

          Roth kennt solche Einwände und weiß sie schon im Vorfeld zu kontern, indem er methodische Inklusion beansprucht; programmatisch schlägt sich das in der Formulierung eines – so wörtlich – „psychoneurowissenschaftlichen“ Ansatzes nieder. Hierbei bietet die empirisch-experimentelle Psychologie dem neurowissenschaftlich geschmückten Schulauftritt seine Datengrundlage. Ein solcher sei von psychologischen Erkenntnissen eben nicht zu trennen, erklärt Roth lapidar und zieht damit die Frage auf sich, worin überhaupt der Mehrwert einer hirngerechten Lerntheorie besteht, der nicht schon in der Motivations- und Gedächtnisforschung abgegolten wäre.

          Anders gefragt: Schmückt sich die Hirnforschung mit fremden Federn, wenn sie eine Disziplin nach der anderen über sich selbst aufklären möchte? Roth ist souverän genug, um diese Kritik aus den Fächern, von der Ökonomie über die Kriminologie bis zur Pädagogik, nicht von vornherein als absurd zu bezeichnen. Am heutigen Montag wird er achtzig Jahre alt.

          Weitere Themen

          Das Grauen der inneren Dämonen

          Macbeth in Hamburg : Das Grauen der inneren Dämonen

          Wahnsinn, grässlicher, der von innen kommt: Karin Henkel inszeniert Shakespeares „Macbeth“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit strategischer Ignoranz.

          Topmeldungen

          Wladimir Putin beim informellen GUS-Gipfel in Sankt Petersburg

          Wladimir Putin wird 70 : Ein einsamer Tag voller Arbeit

          Der Jubeltag des Präsidenten sollte ein ganz normaler Tag sein. Die Armeeführung ist bemüht, „zurückgeschlagene Angriffe“ und „vernichtete“ ukrainische Soldaten zu vermelden.

          Friedensnobelpreis : Gemeinsamer Kampf auf beiden Seiten der Front

          Das Nobelkomitee ehrt in diesem Jahr Aktivisten und Organisationen aus Belarus, Russland und der Ukraine. Auch in Kiew wäre die demokratische Entwicklung ohne den Druck der Zivilgesellschaft nicht möglich gewesen.
          Die britische Premierministerin Liz Truss in Prag

          Energiekrise in Großbritannien : Wäsche nur noch nachts waschen

          Den Briten drohen wohl doch Stromausfälle. Premierministerin Truss will das aber nicht aussprechen, eine Energiesparkampagne ließ sie stoppen. Kritiker sehen darin eine „idiotische Entscheidung“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.