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Adam Zagajewski in Berlin : Suche nach Glanz

Adam Zagajewski hier in Tübingen 2016. Bild: Picture-Alliance

Der polnische Dichter Adam Zagajewski ist einer der großen Lyriker und Essayisten. Einige seiner Verse trug er jetzt in Berlin in der Katholischen Akademie vor und begeisterte damit die Zuhörer.

          Er ist bescheiden, aber auf die ruhigste Art und Weise weiß er genau, was er kann. Er ist nachdenklich, doch das ist ja wirklich das Minimum. Manche seiner Gedichte rühren einen zu Tränen – es sind die Gedanken, die weinen. Er selbst, der den Kopf dafür hätte, braucht keine Abstraktionen. Obwohl manche seiner Gedichte philosophisch sind, weicht er Fragen nach tönenden Begriffsunterscheidungen freundlich aus. Dann sagt der Antisystematiker leise: „Das kann ich nicht sagen. Deswegen schreibe ich Gedichte. Ich bin kein Philosoph.“

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Adam Zagajewski, den großen polnischen Lyriker und Essayisten, geboren 1945 in Lwiw (Lemberg) in der Ukraine, bekommt man am ehesten zu packen, wenn man sich seinen Versen überlässt. Von denen trug er in Berlin in drei Abteilungen vor. Eingeladen hatte die Katholische Akademie, in deren Räumen die Lesung stattfand, zusammen mit der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“, die seit Jahrzehnten Adam Zagajewskis Gedichte druckt. Ihr Chefredakteur Matthias Weichelt nahm den Dichter auf dem Podium deutlich weniger in die Zange als sein Partner Joachim Hake von der Katholischen Akademie, aber am Ende führen alle Fragen, auch die falschen, irgendwohin. So wurden die knapp zwei Stunden mit Adam Zagajewski zu einer Meisterklasse über den aufmerksamen Menschen.

          In einigen seiner Essays spricht der Dichter vom Verschwinden der Metaphysik und unserer verarmenden Erfahrungswelt. Er selbst hat die Denk- und Empfindungsmöglichkeiten durch seine Gedichte, die in der hochgelobten Übertragung von Renate Schmidgall zu hören waren, wieder weit gemacht. „Ich neige dazu, das Poetische als etwas Wirkliches zu sehen“, sagte Zagajewski auf dem Podium, doch damit niemand auf den Gedanken kommen konnte, damit sei tüttelige Versponnenheit gemeint, fügte er an, er finde das Poetische „außerhalb meiner selbst“. Eines seiner Gedichte führt es programmatisch im Titel: „Poesie ist die Suche nach Glanz“. Und weiter auf diesem „Königsweg“, wie er ihn nennt: „Wir suchen nach Glanz in der Abenddämmerung, / am Mittag oder in den Säulen des Morgengrauens, / selbst im Bus, im November, / wenn daneben der alte Pfarrer döst.“

          Thematisch wurde der Abend ein Rundgang durch wichtige Motive von Zagajewskis Lyrik. „Fremdes Leben“ handelt von Biographien. „Das zwanzigste Jahrhundert in Rente“ enthält die hinreißende Zeile: „Nur das Mitleid zählt, mit Menschen, Tieren, Bäumen und Bildern.“ Im Gedicht „Der Koffer“ geht es um die Wahrnehmung des Touristen, der ein reisender Poet fallweise natürlich auch ist. Kein Zweifel, dieser Dichter vermag sich von außen zu sehen. Er schafft das sogar, wenn es um seine Geburtsstadt Lemberg geht (von der ein fabelhafter Essay in dem Band „Verteidigung der Leidenschaft“ berichtet).

          Ein lyrisches Denkmal für seine Mutter

          Für das private Leben stand in Berlin das ergreifende Gedicht „Wettbewerb“ ein, mit dem Zagajewski seiner Mutter ein lyrisches Denkmal gebaut hat, jener Frau, die in ihrer Jugend einmal fast einen Beredsamkeitswettstreit gewonnen hätte und davon unermüdlich ihren Kindern erzählen musste. Wenig überraschend treiben die Kinder ihren Spott mit diesem „fast“, dem nicht ganz Gelungenen, knapp Verfehlten. Und dann stirbt sie und mit ihr der Vortrag ihrer Geschichte. „Wie gern würde ich jetzt wieder / Mutters Erzählung hören / von dem Wettbewerb, bei dem sie fast gesiegt hätte / und den sie, so scheint mir, nach Jahrzehnten / unermüdlicher Erinnerungsarbeit / wirklich gewonnen hat.“

          Natürlich, da wäre noch Europa, das durfte nicht fehlen, man muss Intellektuelle auf Podien nach Europa fragen, und dass gerade dieser vielsprachige Schriftsteller das vielgestaltige Europa liebt, versteht sich von selbst. In Berlin indessen sagte Adam Zagajewski, unser Kontinent sei in seiner Geschichte oft grausam gewesen, auch jetzt sehe es wieder trüber aus, und dann erinnerte er an ein Wort des 2009 gestorbenen Philosophen Leszek Kołakowski. Was diesen Erdteil von anderen unterscheide: dass Europa zur Selbstkritik fähig sei. „Ich weiß nicht, ob das stimmt“, kommentierte Zagajewski. „Aber der Gedanke gefällt mir.“

          „Asymmetrie“ heißt sein letzter Gedichtband im Hanser Verlag, und irgendwie laufen die schönsten Asymmetrien auch durch Zagajewskis Denken. Zum Beispiel die, dass der Bürgerrechtler und eminent politische Zeitgenosse, der in seiner polnischen Heimat viele Jahre nicht publizieren durfte und im Exil in Frankreich und Amerika gelebt hat, gegen Ende des Abends in seinem wohlüberlegten Deutsch plötzlich sagte: „Eine Gefahr ist, dass unser Leben zu stark von Politik durchdrungen ist. Ich will das nicht.“ Dann: „Politik ist so interessant. Aber auch so langweilig.“ T. S. Eliot, ebenfalls ein Metaphysiker, hat die Größe F. Scott Fitzgeralds unter anderem darin ausgemacht, dass er zwei widerstreitende Ideen gleichzeitig im Kopf haben konnte – sie nebeneinander bestehen ließ, sie einfach ertrug. Das tut auch Adam Zagajewski. „Lass mich sehen, bitte. / Lass mich ausharren, sage ich.“ Poesie ist die Suche nach Glanz.

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