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Der globale Thriller : Geteilter Mord ist doppelte Auflage

Kollege Patterson schlägt versöhnlichere Töne an. Er hat seine Zuneigung zur Leseförderung entdeckt, seit er bei seinem eigenen Sohn einige Mühe hatte, ihn ans Lesen heranzuführen. Es sei für ein Land überlebenswichtig, dass die Leute läsen. Deshalb müsse weiter an der Senkung der Schwellenangst gearbeitet werden: „Ich gehe nie in einen Baumarkt. Ich habe keine Ahnung von Nägeln oder Schrauben und käme mir dort wie ein Trottel vor. Das gibt es auch bei Leuten, die Angst vor Buchhandlungen haben, weil sie sich blöd vorkommen, wenn sie die falsche Frage stellen.“

Und dann macht er wieder den Albatros und sagt, in seiner Heimat gebe es „alle möglichen Gruppen von Leuten“, und nicht alle Verlagsprogramme spiegelten diese politische Meinungsvielfalt wider. „Ich habe einmal zu meinem Verleger gesagt: ,Habt ihr eigentlich auch Republikaner unter euren Angestellten?' Er sagte: ,Wahrscheinlich nicht.' Ist das nicht merkwürdig in einem Land, in dem ungefähr die Hälfte der Leute Republikaner wählen? Wäre es nicht klug, fair und vernünftig, sie alle zu erreichen?“

Die Opfer werden nach berühmten Gemälden arrangiert

Der heute in deutscher Übersetzung im Limes Verlag erscheinende Roman „Letzte Grüße“ handelt von einem in Serie mordenden Geschwisterpaar. Die Amerikaner Sylvia und Malcolm Rudolph arrangieren ihre Opfer nach berühmten Gemälden. Es braucht allerdings einen Ermittler aus der Bronx, der seine ermordete Tochter rächen will, und eine hartnäckige schwedische Journalistin, um der behäbigen Polizei auf die Sprünge zu helfen. Der Roman funktioniert zuverlässig nach der Pattersonschen Methode der Kurzkapitel. Cliffhanger, Spannung transportierende Schlusssätze, sind Pflicht, Liebe und Lokalkolorit dito.

Marklund/Patterson hätten sich viel Mühe gegeben, die Rudolphs faszinierend zu gestalten, sie „als wunderschöne, verführerische junge Leute zu zeigen, die noch nicht mal an den Morden an sich interessiert sind. Das sind Nebenprodukte. Es geht ihnen um Schönheit und die Kunst, die Morde liefern ihnen nur das Geld, um das neue Traumauto zu kaufen.“

Womit wir zuletzt in der Unterabteilung Gesellschaftskritik wären. Es gebe, analysiert James Patterson, heutzutage einen Haufen solcher Leute, die nur noch aus ihrem Ego bestünden, die sich nicht um Institutionen kümmerten, um Gesetze, um Gesellschaft. Und in Schweden sehe es nicht viel besser aus, sagt Marklund. „Die Schweden denken, das Problem der restlichen Welt sei, dass es nicht Schweden ist. Wir glauben, dass wir die Besten sind.“

Klafft also eine Lücke zwischen dem tatsächlichen Zustand der schwedischen Gesellschaft und dem Bild, das Hunderte von Thriller-Autoren seit Jahr und Tag von ihm liefern - in einem Cocktail aus Polizei- und Medienkritik, Rechtsradikalismus, Missbrauch von Frauen, Gewaltexzessen? Liza Marklund schweigt einen Augenblick, dann sagt sie: „Schauen Sie doch nur mal aus dem Fenster: Es ist schwarze Nacht, es ist kalt. Das hat doch Auswirkungen auf die Menschen.“ James Patterson ist da weniger sentimental. „Schweden ist eine Marke. Die Leser wissen, was sie bekommen. Und sie mögen das.“

Liza Marklund

1962 in einem Dorf in Norden Schwedens geboren, brach Liza Marklund im Alter von sechzehn Jahren die Schule ab und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Während ausgedehnter Wanderjahre blieb sie längere Zeit in England, Israel und den Vereinigten Staaten. In Schweden absolvierte sie eine Journalistenschule, machte Karriere bei Boulevard-Zeitungen. 1998 debütierte sie mit dem Krimi „Olympisches Feuer“, dessen Protagonistin, die Journalistin Annika Bengtzon, bis heute ihre Hauptfigur ist. Ihre Romane verknüpfen Gesellschaftskritik mit investigativem Journalismus, bedienen aber auch die genretypischen Themen wie Machtmissbrauch, Polizeistaat und Gewalt gegen Frauen. Sie ist Mitbegründerin und erfolgreichste Autorin des Piratförlaget. Marklund ist in zweiter Ehe mit einem Fernsehproduzenten verheiratet und hat drei Kinder. Sie lebt die Hälfte des Jahres in Marbella.

James Patterson

1947 in Newburgh/New York als Sohn einer irisch-litauisch-niederländisch-russischen Familie geboren, studierte Patterson an der Vanderbilt University Literatur, bevor er sich der Werbebranche zuwandte. Im Alter von 37 Jahren war er für das Nordamerika-Geschäft der international tätigen Agentur J. Walter Thompson zuständig. Sein erster Roman, „The Thomas Berryman Number“, gewann 1977 einen Edgar, den Oscar der Kriminalliteratur. Aber erst 1992 gab Patterson seinen Beruf auf, um sich dem Schreiben und der professionellen Vermarktung seiner Romane zu widmen. Mit einer Weltauflage von mehr als 130 Millionen Exemplaren in vierzig Sprachen zählt er zu den erfolgreichsten Autoren der Welt. Auf der Bestsellerliste der „New York Times“ war er - auch das ein Rekord - bislang mit fünfundvierzig Romanen vertreten, siebzehn davon standen auf Platz eins.

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