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Kinderbücher und Karikaturen : Französischer Zeichner und Autor Tomi Ungerer ist tot

  • Aktualisiert am

Tomi Ungerer, geboren am 28. November 1931 in Straßburg, gestorben am 9. Februar 2019 in Cork, im Oktober 2016 auf den Stufen vor seinem Elternhaus in Straßburg Bild: Helmut Fricke

Von ihm stammen zärtliche Geschichten wie derbe Karikaturen. Den einen galt er als Zyniker, anderen als Kinderfreund, er selbst nannte sich Realist. Jetzt ist Tomi Ungerer im Alter von 87 Jahren gestorben.

          Der französische Zeichner, Karikaturist und Kinderbuchautor Tomi Ungerer ist tot. Er starb im Alter von 87 Jahren in Irland im Haus seiner Tochter, wie mehrere französische Medien übereinstimmend an diesem Samstag berichteten.

          Tomi Ungerer stammt aus einer elsässischen Uhrmacherdynastie. Er wurde am 28. November 1931 in Straßburg unter dem Namen Jean-Thomas als viertes Kind und jüngster Sohn von Theodore Ungerer und Alice geboren. Sein Vater, ein Uhrenfabrikant, Künstler und Historiker, starb 1935 an den Folgen einer Blutvergiftung. Schon als Kind begann Ungerer zu zeichnen. Das Bartholdi-Gymnasium in Colmar verließ Ungerer, im Zeugnis als „pervers und subversiv“ bezeichnet, ohne Abitur. Mit 19 Jahren reiste er über England nach Skandinavien und fuhr mit einem Fischer nach Island. 1952 ging er zur Fremdenlegion nach Algerien, wo er bei einem Kamelritt durch die Wüste beinahe verdurstete. Im Oktober 1953 nahm Ungerer in Straßburg ein Zeichenstudium auf, das er aber bereits im Folgejahr wieder abbrach.

          Er arbeitete für verschiedene elsässische Unternehmen als Werbeillustrator und reiste quer durch Europa, ehe er 1956 mit Dollar in der Tasche nach New York übersiedelte. In Amerika arbeitete er erfolgreich als Werbezeichner und Autor. 1957 veröffentlichte er im Harper Verlag sein erstes preisgekröntes Kinderbuch, die Schweinchengeschichte „The Mellops Go Flying“, deutsch 1978 als „Mr. Mellops baut ein Flugzeug“, das sich zum Bestseller entwickelte. 1960 begann mit der Veröffentlichung von „Der schönste Tag“ seine Zusammenarbeit mit dem Diogenes-Verlag in Zürich. In den folgenden Jahren wurde Ungerer als Cartoonist und als Autor von Kinder- und Märchenbüchern einerseits, von sarkastischen Karikaturbänden und pornografischen Satiren andererseits weltberühmt.

          Kein Kuss

          Seine Stärke als spottlustiger Satiriker dokumentierte erstmals der 1961 herausgebrachte Sammelband „Weltschmerz“. Ebenfalls 1961 veröffentlichte Ungerer „Die drei Räuber“, eines der berühmtesten Kinderbücher der Welt. Mitte der sechziger Jahre schockierte Ungerer die New Yorker Szene mit den Bänden „Geheimes Skizzenbuch“ und „The Party“, in denen er der Schickeria mit unbestechlicher und nicht zimperlicher Feder gnadenlos den Spiegel vorhielt. 1967 malte er politische Plakate gegen den Krieg in Vietnam. Den Ruf des drastisch-aggressiven großen Zynikers unter den Zeichnern sicherte sich Ungerer endgültig mit dem 1970 erschienenen Band „Fornicon“. In diesem später in England verbotenen Buch karikierte er Potenzwahn und Sexismus.

          Ungerer im November 2011 mit einem seiner Bücher für Erwachsene

          Seine unnachsichtige Kritik an der amerikanischen Gesellschaft brachte ihm für viele Jahre einen Platz auf der Schwarzen Liste der amerikanischen Einwanderungsbehörde ein. Von New York zog sich Ungerer Anfang der siebziger Jahre in die Abgeschiedenheit der kanadischen Halbinsel Neuschottland zurück, weil er von der amerikanischen Regierung und deren Vietnampolitik enttäuscht war. Auf einer Farm in der Wildnis züchtete er mit seiner dritten Frau Yvonne, die er 1970 in New York kennengelernt hatte, Schafe, Schweine und Ziegen, schlachtete und buk selbst. 1974 erschien das Kinderbuch „Kein Kuss für Mutter“, in dem er in autobiographischen Ansätzen auf die Fürsorglichkeit seiner Mutter anspielte. Nach fünfjähriger Arbeit veröffentlichte Ungerer 1975 sein „Großes Liederbuch“, in dem er über zweihundert deutsche Volks- und Kinderlieder illustrierte. Es wurde sein größter kommerzieller Erfolg und galt bereits zwanzig Jahre später als Klassiker.

          Zwei Seiten einer Befreiung

          1976 kehrte Ungerer nach Europa zurück und lebte mit seiner Familie abwechselnd in Straßburg und im irischen Cork. Seinem Ruf als Provokateur wurde er in den folgenden Jahren weiterhin gerecht: 1986 erschien unter dem Titel „Schutzengel der Hölle“ ein Werk, für das er sich wochenlang bei einer Hamburger Domina einquartiert hatte. 1993 veröffentlichte er mit „Die Gedanken sind frei“ Buch über seine Kindheit im Dritten Reich, 2003 mit „Es war einmal mein Vater“ einen Erinnerungsband mit Briefen, Dokumenten, Fotos und Zeichnungen von Theodore Ungerer. Nach sieben Jahren Pause veröffentlichte Ungerer, der mittlerweile drei Herzinfarkte und eine Krebserkrankung überstanden hatte, 2007 wieder ein Kinderbuch. „Neue Freunde“ handelt von zwei Kindern, Rafi und Ki, die wegen ihrer Hautfarbe von den anderen ausgeschlossen werden. Andreas Platthaus lobte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Buch, „dessen Bilder vor Lust am Detail übersprudeln zu scheinen“. Zugleich Kinderbücher und erotische Bücher zu publizieren, beschrieb er in einem Interview in der „Zeit“ im April 2007 als „Teil seiner Befreiung“ von einer streng protestantischen Erziehung. Die Kinderbücher schreibe er „vor allem für das Kind“ in sich und auch für Erwachsene.

          Tomi Ungerers Werk umfasste bis 2007 rund 40.000 Zeichnungen und über 140 Bücher (in mehr als 40 Sprachen übersetzt). In diesem Jahr wurde das „Tomi Ungerer Museum“ in der Straßburger Villa Greiner untergebracht und zeigt sowohl die Kinderbücher, als auch die Politsatiren, die Werbegrafiken und die erotischen Werke des Künstlers.

          „Er starb in der Nacht. Es war seine Frau, die mich am Morgen angerufen hat“, sagte Robert Walter, ehemaliger Berater und langjähriger Freund Ungerers, der Nachrichtenagentur AFP. Wie die Zeitung „Les Dernières Nouvelles d’Alsace“ berichtet, würdigte ihn Alain Fontanel, erster stellvertretender Bürgermeister von Straßburg, als großen Künstler, der zudem die Komplexität des Elsass, seine Doppelkultur verkörpere. „Wir haben uns vorgestellt, dass es ewig ist, und jetzt verlässt er uns.“

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