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Reckwitz’ Gesellschaftstheorie : Soll man beim Nennwert nehmen, was die Leute über sich sagen?

Andreas Reckwitz bei einer Podiumsdiskussion der Phil.COLOGNE Bild: Imago

In seinem neuen Buch erörtert Andreas Reckwitz zusammen mit Hartmut Rosa, was Soziologie heute ausmacht. Dahinter stellt sich die Frage, was der Erfolg seiner Theorien über unsere Gesellschaft verrät.

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          Für die Beliebtheit des Soziologen Andreas Reckwitz in der Kulturwelt gibt es eine naheliegende Begründung: Immerhin erklärt er ja den Bedeutungszuwachs ebendieser Welt zu einem Kennzeichen des ganzen Zeitalters. Im Unterschied zur bisherigen Moderne, schrieb Reckwitz 2017 in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“, zeichne die jetzige „Spätmoderne“ eine umfassende „Kulturalisierung“ aus, worunter er eine massenhaft gewordene Orientierung an möglichst besonderen Werten, Waren, Orten und Erlebnissen (etwas sperrig „Singularitäten“ genannt) verstand. Da er diesen Trend zudem an einer speziellen Schicht festmachte, den Selbstverwirklichungsmilieus einer „Neuen Mittelklasse“, und diese der ins Hintertreffen geratenden, sich an herkömmlichen Gemeinschaftskulturen ausrichtenden „Alten Mittelklasse“ gegenüberstellte, wurde seine Diagnose oft auch als Erklärungsmuster für den Rechtspopulismus bemüht. Weniger gut funktionierte das Unterscheidungskriterium dann im Fall der querdenkenden Verschwörungstheoretiker, an denen die neue Mittelklasse mindestens so viel Anteil hat wie die alte.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber vielleicht müssen die Gründe für den Erfolg einer Theorie noch auf einer ganz anderen Ebene gesucht werden – auf einer Ebene geteilter Vorannahmen, die das in der Zeitdiagnose selbst nicht Ausgesprochene mit den rätselhaft gebliebenen Erscheinungen der Gesellschaft verbindet, aktuell zum Beispiel dem Wahltriumph der FDP bei Erstwählern. Reckwitz bringt jetzt zusammen mit seinem gleichfalls einflussreiche Stichworte liefernden Kollegen Hartmut Rosa („Beschleunigung“, „Resonanz“) ein Buch heraus, mit dem die beiden sich selber einer solchen Metadiskussion stellen: „Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie?“

          Die Gesellschaft verschmilzt mit ihren Selbstbildern. FDP-Kundgebung in Frankfurt am Main.
          Die Gesellschaft verschmilzt mit ihren Selbstbildern. FDP-Kundgebung in Frankfurt am Main. : Bild: Frank Rumpenhorst

          Es geht da weniger um einzelne Zeitdiagnosen als um die Fähigkeit der Soziologie zum „big picture“, zur Großtheorie als „Kulturtechnik des generalisierenden Weltverstehens“. Reckwitz ebenso wie Rosa vermissen bei den heutigen Sozialwissenschaften den Willen zu diesem großen Ganzen, und beide legen in getrennten Kapiteln dar, worin ihr je eigener konzeptueller Versuch besteht, zu diesem Ganzen Zugang zu erhalten; in einem Schlusskapitel konfrontieren sie ihre unterschiedlichen Ansätze dann gegenseitig im Gespräch, moderiert von dem Soziopolis-Redakteur Martin Bauer.

          So eröffnet sich auch Lesern aus der „nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit“ die Möglichkeit eines soziologischen Blicks auf die Soziologie selbst: Was enthüllen die Methoden, die Begriffe, die Vorannahmen, die Sprache, die sie wählt, über die Zeit, der sie entspringt – und in der wir alle leben?

          Die Spätmoderne braucht keine Ironie

          Als Erstes fällt auf, wie ernst Reckwitz die von ihm verwendeten Begriffe nimmt. Der Reiz soziologischen Sprechens beruht nicht zuletzt darauf, dass es noch zu den alltäglichsten Vorgängen eine so große Distanz herstellt, als handele es sich um das Verhalten von Marsmenschen, zu dem es keinen anderen Zugang gibt als die größtmögliche Abstraktion. Dieser Verfremdungseffekt kann erhellend sein, wenn er sich seine Komik eingesteht. Reckwitz aber schreibt Sätze wie „Den primären motivationalen Antrieb erhalten Gesellschaften nicht durch die formalisierte Rationalität, sondern durch die eigene Logik der Werte und des Wertvollen“ ohne jedes Augenzwinkern, ja er fügt ihnen noch die Fußnote hinzu: „Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, in: Max Weber Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 23, Tübingen 2014, S. 174f.“

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