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Asfa-Wossen Asserate wird 70 : Der Wahlheimatspezialist

Vernunftbegabter Weltpatriot: Prinz Asfa-Wossen Asserate Bild: dpa

Zivilisierte Lebensführung, auch im Angesicht bedrohlicher Realität: Der deutsch-äthiopische Autor Asfa-Wossen Asserate wird siebzig – und trifft an seinem Geburtstag den jungen Ministerpräsidenten seiner alten Heimat.

          Dass ihm die spürbar nationale Geistes- und Gemütsverengung, also die partielle AfDisierung der Gesellschaft, Angst bereite: so weit geht Asfa-Wossen Asserate selbst im privaten Gespräch nicht. Es wäre seiner dankbaren Loyalität gegenüber Deutschland, dessen Wahl- und Staatsbürger er ist, nicht angemessen. Aber auch in den Bürgersalons von Frankfurt am Main, in denen er seit nahezu einem halben Jahrhundert verkehrt, ist der Ton mit der Flüchtlingskrise unduldsamer geworden. Und außerhalb der Salons ist das alt-neue Ressentiment gegen Fremde, nicht zuletzt gegenüber dem „schwarzen Mann“, die rauhe, rohe Teilrealität.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Äußerste, das der 1948 als Großneffe des Kaisers Haile Selassie in den äthiopischen Hochadel hineingeborene Prinz Asfa-Wossen – Asserate ist nicht sein Nach-, sondern der nachgestellte Hauptname des Vaters – sich selbst und dem Gesprächspartner zugesteht, ist die Bemerkung, die deutsche Identität, die „immer noch den Hauptteil“ seiner Existenz ausmache, habe in jüngster Zeit „einige Blessuren erleiden müssen“. Mit entschiedener Sachlichkeit und präziser Problemkenntnis objektiviert und rationalisiert hat er diese Blessuren im bisher letzten, 2016 erschienenen Buch: „Die neue Völkerwanderung. Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten“. Es analysiert die afrikanische Migration und unterwirft sie einem Vernunftplädoyer aus weltpatriotischer Sicht. Im Brotberuf als Unternehmensberater versucht Asfa-Wossen Asserate überdies seit Jahrzehnten, vor allem deutsche Mittelständler für Investitionen in Afrika zu motivieren.

          Zur hierzulande öffentlichen Figur und zu einem deutschen Autor machte ihn 2003 das bewusst antinormative Benimmbrevier „Manieren“. In dieser Zeitung vorabgedruckt, in Hans Magnus Enzensbergers Buchreihe „Die Andere Bibliothek“ publiziert, bietet der Best- und Longseller ein Sittenprotokoll der deutschen Gegenwart und in aparten Kapiteln wie „Umgang mit Feinden“, „Man zieht sich an“ oder „Die Konversation“ auch die Handreichung zu einer annähernd zivilisierten Lebensführung. Der Klappentext zitiert eine Sentenz des Soziologen Georg Simmel von 1908: „Der beste Kenner eines Landes und seiner Gesellschaft ist der Fremde, der bleibt.“ Für Asfa-Wossen Asserate gilt: Als er vor genau fünfzig Jahren in die Bundesrepublik kam, zunächst zum Jura- und Wirtschaftsstudium in Tübingen, war er, von Kindheit an Zögling der deutschen Schule in Addis Abeba, bereits eine Art Fern-Einheimischer, der sich quasi naturgemäß zum Wahlheimatspezialisten entwickelte. Die „Manieren“ hat er folgerichtig mit „Draußen nur Kännchen“ (2012) und „Deutsche Tugenden“ (2013) fortgesetzt.

          Dass der morgenländische Prinz zum deutschen Bürger wurde, war allerdings nicht vorgesehen. Auf Tübingen folgten von 1970 an Geschichtsstudien in Cambridge, 1972 ging es nach Frankfurt am Main, wo er beim Äthiopisten Eike Haberland eine Doktorarbeit in Angriff nahm. Ziel war, danach dem Kaiserhaus als Diplomat zu dienen. Ende November 1974 aber übernahm in Addis Abeba das Militär die Macht, Oberst Mengistu errichtete eine brutale, sozialistisch drapierte Diktatur, der als einer der Ersten Asfa-Wossens Vater Asserate Kassa, bis 1970 Vizekönig der weiland Provinz Eritrea und bis zuletzt Mitglied des Kronrats, zum Opfer fiel. Er wurde erschossen, die Mutter und die sechs Geschwister steckte man ins Gefängnis. „Ich war in Europa, ohne Geld. Von da an war mein Leben von der Aufgabe bestimmt, meine Familie zu retten“ – so hat Asfa-Wossen Asserate unlängst die Odyssee des Exils zusammengefasst. Es sollte fünfzehn Jahre währen, bis alle überlebenden Angehörigen freikamen.

          Kundgebung statt Geburtstagsfest

          Ausführlich geschildert hat er das Familienschicksal in der Autobiographie „Ein Prinz aus dem Hause David“ (2007), dem erzählerischen Hauptwerk. Weit über das eigene Erleben hinausreichend, ist dieses Buch in seiner uneitlen Opulenz, seiner brillanten Anschaulichkeit und narrativen Souveränität zu einem afrikanisch-europäischen Epochenpanorama seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geworden – nicht zuletzt auch zum Epitaph für Tsehainesh Haregot, genannt Tessy, die große Lebensliebe. 2014 erschien „Der letzte Kaiser von Afrika: Triumph und Tragödie des Haile Selassie“. Die Biographie des Großonkels war Resümee und Abgesang zugleich, denn im Grunde hatte der Autor Äthiopien angesichts fortwährender Krisen und Katastrophen längst aufgegeben.

          An diesem Mittwoch wird Asfa-Wossen Asserate siebzig Jahre alt. Den Geburtstag feiert er nicht. Eine Art Feier gibt es gleichwohl: Mit Zehntausenden von Exil-Äthiopiern nimmt der Jubilar an einer Kundgebung teil. Ein gutes halbes Jahr erst ist Äthiopiens neuer und junger Ministerpräsident Abiy Ahmed im Amt. Ein schier unglaubliches Reformtempo hat er vorgelegt, Frieden mit Eritrea geschlossen, politische Gefangene freigelassen, den Ausnahmezustand aufgehoben, den Dialog der Ethnien in Gang gebracht. Im Interview mit dem „Spiegel“ hat ihn Asfa-Wossen Asserate jüngst als potentiellen „Gorbatschow Afrikas“ bezeichnet. Heute begegnet er ihm – im Stadion der Wahlheimat Frankfurt am Main. Vielleicht ein Symbol.

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