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Gerhard Seyfried wird siebzig : Der Troll des Widerstands

Zwille und er: Gerhard Seyfried Anfang März in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg Bild: Picture-Alliance

In den Weiberräten wurde er geduldet, in München stand er wegen eines Comics vor Gericht, mit seiner Figur „Zwille“ wurde er berühmt, als Schriftsteller ist er beachtlich: Zum siebzigsten Geburtstag Gerhard Seyfrieds.

          In den wilden Tagen der Achtundsechziger, so erinnert sich der Satiriker Pit Knorr, habe es nur einen einzigen Mann gegeben, der regelmäßig bei den Versammlungen der revolutionären Weiberräte geduldet worden sei: Gerhard Seyfried. Denn niemand sonst habe sein männliches Ego so hinter die politische Sache zurückgestellt wie der Zeichner aus München. Und tatsächlich: Wenn man sich an die riesige Zahl von Cartoons und Comics aus Seyfrieds Feder erinnert, spielt darin das Verhältnis zwischen Männern und Frauen kaum eine Rolle. Umso mehr der epische Kampf von Anarchos, Freaks und Ökos mit der Staatsgewalt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Darin verfügte der Zeichner über eigene Erfahrung. 1975 hatte man ihn in München angeklagt, „durch Verbreiten von Schriften zu einer rechtswidrigen Tat aufgefordert zu haben“. Im Stadtmagazin „Blatt“, für dessen Kollektiv Seyfried regelmäßig zeichnete, hatte er einen Comic publiziert, in dem die Automaten der städtischen Verkehrsbetriebe beschädigt wurden. Dass als Handlungsort Entenhausen genannt wurde und die Übeltäter die Panzerknacker waren, interessierte die Staatsanwaltschaft nicht; hier werde „in bestimmter Form dazu aufgefordert, Automaten des Münchner Verkehrsverbunds so zu beschädigen, dass ihre ordnungsgemäße Funktion nicht mehr gewährleistet ist“. Die Justizposse endete erst nach mehreren Jahren mit der Feststellung, dass dem Angeklagten der Comic nicht zweifelsfrei zugeschrieben werden könne, weil die Geschichte gar nicht signiert sei. „Seyfried-Figuren zu identifizieren!“, spottete der Zeichner F.W. Bernstein, der im Prozess als entlastender Gutachter aufgetreten war: „Ich glaub, die bayrische Justiz dürfte die einzige Stelle in der BRD sein, die das nicht schafft.“

          Ein neues Erfolgrezept

          Wie wahr, Seyfrieds Stil ist unverkennbar. Geschult vor allem an dem amerikanischen Undergroundcomic-Star Gilbert Shelton, übernahm der Deutsche in den siebziger Jahren auch seine markanteste Figur aus dem Sheltonschen Arsenal der „Freak Brothers“: ein kleines Männchen mit vollständig schwarz behaartem Kopf und Latzhose – eine Art Troll des Widerstands, den Seyfried auf den Namen „Zwille“ taufen sollte. So heißt übrigens auch das gerade erschienene neue und denkbar selbstironische Album, für das der Zeichner nach zwanzig Jahren endlich wieder einmal selbst eine Geschichte geschrieben hat. Natürlich spielt sie wieder in Berlin, wo Seyfried seit 1977 lebt.

          Zwille wird die Sozialhilfe verweigert, weil er als Comicfigur ja nicht altere und der Staat somit ewig würde zahlen müssen. Auf der Suche nach neuen Einnahmen erinnert sich Zwille seines früheren Zeichners Seyfretti, der aber längst als gemachter Mann in Italien lebt. Seyfrieds Comic-Welt, wie sie sich hier zeigt, ist schön, doch natürlich lauert Gefahr überall: durch Kommerzialisierung und Korruption. Das war schon in seinem ersten Comicband „Wo soll das alles enden“ so, erschienen 1978. Und wurde in den hunderttausendfach verkauften „Freakadellen und Bulletten“ (1979) und „Invasion aus dem Alltag“ (1981) nicht anders.

          Seyfrieds Weltbild steht unverrückbar fest. Das hat seinen Comics nicht geschadet, im Gegenteil. Was für ein versierter – und trotzdem engagierter – Autor er sein kann, hat er aber auf anderem Feld bewiesen: als Schriftsteller. 2003 erschien der historische Roman „Herero“ über deutsche Kolonialverbrechen in Südwestafrika, und bis 2012 folgten noch drei weitere, zuletzt der Spionageroman „Verdammte Deutsche!“ über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs. Sorgfältig recherchiert und politisch erzählt, hat Seyfried hier ein neues Erfolgrezept gefunden. Seine Rückkehr zum Comic jedoch ist ein schönes Geschenk, das der Zeichner den Lesern gemacht hat. An diesem Donnerstag möge er selbst reich beschenkt sein: Gerhard Seyfried wird siebzig.

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