https://www.faz.net/-gr0-9qe5i

Martin Amis wird siebzig : Freunde kennt er nicht

Mit Kafka kann er nichts anfangen: Martin Amis. Bild: dpa

Der britische Schriftsteller Martin Amis ist gnadenlos und ehrlich – gegen sich selbst und andere. Für seine Schärfe ist er berühmt, mit politicial correctness darf man ihm nicht kommen. Heute wird er siebzig.

          Zu seinem siebzigsten Geburtstag wird er es aushalten, dass man noch einmal darüber spricht, was er sich zeit seines Lebens, vor allem seines Berufslebens, hat anhören müssen: dass der berühmte britische Schriftsteller Martin Amis der Sohn eines noch berühmteren britischen Schriftstellers, nämlich von Sir Kingsley Amis, ist. In seiner High-School-Zeit nannte ein Lehrer den Schüler Martin Amis „unusually unpromising“, ungewöhnlich unverheißungsvoll – ein grausames Urteil, das natürlich nur vor dem Hintergrund des erfolgreichen Vaters gefällt und vor allem ausgesprochen worden war.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dabei war die Familie da schon zerfallen; Amis’ Eltern ließen sich scheiden, als er zwölf Jahre alt war; in einem Brief, den der damals Achtzehnjährige 1967 an seinen Vater schrieb, bezeichnete er sich selbst als „zwischen frechem Selbstbewusstsein und jämmerlicher Depression“ schwankend.

          Da hatte er in Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung fürs Studium in Oxford gerade seine langjährige Comicvorliebe einem Gewaltmarsch durch die englische Literatur geopfert: George Eliot, Jane Austen, Shakespeare, Coleridge, Keats und Yeats, um nur wenige zu nennen (er bewältigte damals mehrere Romane pro Woche und viel Lyrik). Und er las Kafka, den Martin Amis gegenüber seinem Vater aber als „verdammten Idioten“ bezeichnete.

          Vor drastischen Urteilen ist der jüngere Amis seitdem nie mehr zurückgeschreckt. Seine Essays und Rezensionen gelten gerade ihrer Schärfe wegen als zeitgenössische Meisterstücke der jeweiligen Gattung. Sein Stalin-Buch „Koba der Schreckliche – Die zwanzig Millionen und das Gelächter“, 2002 im Original und fünf Jahre später auch auf Deutsch erschienen, ist ein Meisterstück, weil die zynische Weltsicht von Martin Amis auf einen anderen Zyniker angewandt wird.

          Heldenverehrung ist Martin Amis’ Sache nicht, und beim Schreiben kennt er keine Rücksichten, wie sein früherer enger Freund Christopher Hitchens erfahren musste, der als Marxist im Stalin-Buch beinahe mehr Prügel abbekam als der Diktator selbst.

          Amis war auch der erste prominente britische Autor, der dem vor allem finanziell unterfütterten Werben des amerikanischen Agenten Andrew Wiley erlag und dafür 1995 seiner langjährigen Agentin Pat Kavanagh den Laufpass gab. Das hat ihm die englische Literaturszene nicht vergeben.

          Aber an seinen Romanen führt kein Weg vorbei. Spätestens mit „London Fields“, seinem ambitioniertesten und umfangreichsten Buch, erschienen 1989 und thematisch angesiedelt 1999, hatte er sich aus dem Schatten seines damals literarisch noch aktiven Vaters befreit, der erst wenige Jahre zuvor den Booker-Preis, die wichtigste britische Literaturauszeichnung, gewonnen hatte. Auf diesen Preis wartet Martin Amis trotz mehrerer Nominierungen bislang vergebens – und das im mittlerweile fünften Jahrzehnt seiner Schriftstellerkarriere. „London Fields“ war auch nominiert, wurde aber wegen Misogynie wieder von der Liste heruntergenommen – ob es sich gegen Kazuo Ishiguros „Was vom Tage übrigblieb“ durchgesetzt hätte, darf man bezweifeln.

          Ins zornige Weltbild von Amis passte der Disziplinierungsversuch. Er macht keinen Hehl aus seinem Abscheu vor politischer Korrektheit. Aber er verachtet auch Nostalgie. Deshalb ist Martin Amis ein dezidierter Brexit-Gegner. Es besteht kein Grund zur Sorge, dass sein siebzigster Geburtstag ihn milder stimmen könnte.

          Weitere Themen

          Vielfalt statt Monopol

          Shortlist des Buchpreises : Vielfalt statt Monopol

          Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis ist kein Heimspiel für den Frankfurter Verlag S. Fischer mehr: Von vier Longlist-Romanen des Hauses ist nur noch einer dabei. Und der Favorit ist ein anderer.

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir können Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.