https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/der-briefwechsel-zwischen-novalis-und-schlegel-18243726.html

Briefwechsel Novalis-Schlegel : Winter, Winter, lehr mich sterben

Geistesverwandte Herzensfreunde: Die Beziehung zwischen den Dichtern Novalis und Friedrich Schlegel war eine besondere. Bild: Archiv

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Schlegel und Novalis gehört zu den schönsten Blüten der romantischen Schule. Das Deutsche Romantikmuseum präsentiert ihn in einer exzellenten Ausstellung.

          4 Min.

          Im Sommer 1798 lernt der Dichter Novalis die Berghauptmannstochter Julie Charpentier kennen, sie wird nach der früh verstorbenen Sophie Kühn seine zweite große Liebe. An seinen Herzensfreund Friedrich Schlegel schreibt er: „Ein sehr interessantes Leben scheint auf mich zu warten – indeß aufrichtig wär ich doch lieber todt.“ Immer wieder finden sich in dem Briefwechsel zwischen den beiden Romantikern Stellen, an denen Novalis scheinbar anlasslos vom Sterben spricht. Und immer erscheint der Tod nicht als Zäsur, sondern als gleitender Übergang in ein schöneres Leben. Novalis ist mit seiner irdischen Existenz zu dieser Zeit recht zufrieden. Er will heiraten und braucht ein solides Einkommen, hat aber noch Zeit für seine schriftstellerischen Pläne: die „Hymnen an die Nacht“, die geistlichen Lieder entstehen und das Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“, die romantische Antithese zu Goethes verbürgerlichtem Wilhelm Meister.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Aus seinen Briefen spricht eine alles durchströmende Heiterkeit, eine Zartheit im Umgang mit Menschen, denen er sich verpflichtet fühlt, obwohl er eigentlich die Abgeschiedenheit sucht. Von Friedrich Schlegel, dem genialischen Chef-Romantiker, den Goethe eine „rechte Brennnessel“ und den Novalis einen „hypermystischen, hypermodernen Hyperlyriker“ nennt, unterscheidet ihn das Naturell, doch beide verbindet eine tiefe Geistesverwandtschaft: der Drang zum Universalen und der Glaube an die Macht der Poesie. Im unendlichen Universum soll sich das unendliche Innenleben spiegeln. Weil die äußere Welt ständig weiter über das Ich hinauswächst, wächst daraus eine kaum erträgliche Spannung.

          Es geht um Religion, Krankheit und Sterben

          Zum Tod hin? In einem Brief aus dem April 1800 schreibt Novalis die rätselhaften Sätze „Mit mir nimmt’s hoffentlich bald ein fröhliches Ende. Zu Johannis denk ich im Paradiese zu sein.“ Ahnte der schwer kranke Dichter seinen baldigen Tod voraus? Oder meinte er mit dem Paradies die geplante Hochzeit mit Julie Charpentier? „Es ist gewiss, dass er keine Ahndung von seinem Tode hatte, und überhaupt sollte man es kaum glauben, so sanft und schön zu sterben“, schrieb Schlegel, der seinen Freund im März des Jahres 1801 in den Tod begleitete und der ihn in einer Schönheit und Heiterkeit sterben sah wie niemanden vorher und nachher. Zuvor hatte er ihm als dem ersten Menschen seiner Zeit einen Kunstsinn für den Tod attestiert. War es Manier? Koketterie mit einer Transzendenz, die schon am Verblühen war?

          Es ist kein Zufall, dass zwischen Novalis und Schlegel die Religion eine so große Rolle spielt. Das Frankfurter Romantik-Museum hat diesem Briefwechsel eine kleine, aber sehenswerte und von Nicholas Saul und Johannes Endres klug kuratierte Ausstellung gewidmet, die jetzt in die sechste und letzte Etappe geht. Es geht um Religion, Krankheit und Sterben. Man hat das Faible für den Katholizismus oft als spätromantische Schrulle verspottet. Einer Weltanschauung mit universaler Tendenz, die von der Wissenschaft bis zur Philosophie alles unter dem Dach der Poesie versammeln und dabei noch die Eigenheiten von Stil und Charakter bedenken wollte, musste die Religion aber bedeutsam werden. Schlegel war sogar bereit, ihr den Vorrang vor der Poesie zu geben, um das „ewig in sich selbst kreisende und schwindelnde Ich“ aus sich selbst herauszureißen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schon im Frühjahr mussten viele ­Flüchtlinge in  Turnhallen ausharren.

          Steigende Zahlen : Die neue Flüchtlingskrise

          Immer mehr schutzsuchende Menschen kommen nach Deutschland. Mancherorts werden die Schlafplätze knapp – und gleichzeitig kratzen Inflation und Gasknappheit an der so oft beschworenen Solidarität.
          Pragmatisch Giorgia Meloni gibt sich im Wahlkampf moderat. und kühl kalkulierend:

          Vor der Wahl in Italien : Meloni könnte Italiens neues Experiment werden

          Die rechtsnationale Politikerin Giorgia Meloni könnte die Wahlen gewinnen. Womit rechnen die Unternehmen? Was befürchten die europäischen Partner? Bislang hat sich ihre Partei im Regierungshandeln pragmatisch gegeben.
          Wer hat schon drei Hände?

          Die Karrierefrage : Wie viel Multitasking ist möglich?

          Staubsaugen in der Videokonferenz, aufploppende Chatnachrichten während der Vertragsformulierung: In der digitalen Arbeitswelt passiert viel gleichzeitig. Wie bewältigen wir das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.