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Yann Moix’ Antisemitismus : Abrechnung in Frankreich

  • -Aktualisiert am

Yann Moix sieht sich unter anderem mit antisemitischen Zeichnungen und Texten aus seiner Vergangenheit konfrontiert. Bild: Sarah Alcalay/Sipa

Trotz seiner Provokationen und Eklats gilt Yann Moix als ernstzunehmender Autor. Nun kommen neue Polemiken auf: Neben antisemitischen Zeichnungen und Texten geht es auch um Freundschaften mit Rechtsextremen.

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          Das Magazin „Marianne“ behauptete in seiner vorletzten Ausgabe, dass französische Politiker heutzutage unter einem Mangel vor allem an literarischer Kultur litten; unter den Beispielen glänzen die Expräsidenten Nicolas Sarkozy mit seinem Feldzug gegen die „Prinzessin von Clèves“ und François Hollande mit seiner Ferienlektüre „Die Geschichte Frankreichs für Anfänger“. Dennoch genießen Schriftsteller im Nachbarland weiter ein Prestige, das lukrativ sein kann. Die Prominenten unter ihnen erhalten Kommentatorenposten in Presse, Fernsehen und Radio: Zuletzt hat Christine Angot in der Sendung „On n’est pas couché“ (mit Laurent Ruquier, France 2) Aufsehen erregt, Frédéric Beigbeder durfte die Magazine „Elle“ und „Paris Match“ mit Beiträgen bereichern. Journalisten wiederum beeilen sich, Schriftsteller zu werden: Im Medienzirkus lohnt literarischer Lorbeer.

          Yann Moix ist ein häufiger Gast in Fernsehsendungen. Er war Kommentator bei Thierry Ardisson („Les Terriens du samedi!“ auf C8) und Chronist in „On n’est pas couché“ (von 2015 bis 2018). Auch hinter der Kamera hat er gestanden: Seinen Roman „Podium“ über einen Claude-François-Imitator hat er mit Benoît Poelvoorde in der Hauptrolle selbst verfilmt – und damit Erfolg bei Kritikern und Publikum gehabt. Vor allem aber machte Moix regelmäßig durch Provokationen und Eklats von sich reden, Anfang des Jahres etwa mit der geistreichen Bemerkung, er verkehre nur mit jungen Asiatinnen, weil ihn gleichaltrige Frauen (Moix ist 51 Jahre alt) nicht interessierten.

          Gleich zwei neue Polemiken

          Doch Moix gilt vielen Medien und Institutionen als ernstzunehmender Autor, seine Romane werden entsprechend aufgenommen. Der Erstling „Jubilations vers le ciel“ (Jubelschreie gen Himmel, 1996) hat den Prix Goncourt du premier roman, „Naissance“ (Geburt, 2013) den Prix Renaudot erhalten. In den letzten beiden Wochen machte Moix mit „Orléans“ von sich reden, einem autobiographischen Roman, in dem er, nach Schuljahren geordnet, seine Kindheit in der Provinz beschreibt. Wie viele Texte der jüngeren Zeit liebäugelt auch der von Moix mit Autofiktion, einer Mischung von Fiktion und Fakten.

          Im Kontext von „Orléans“ sind nun gleich zwei Polemiken entstanden, von denen eine weite Kreise zieht. Die erste, harmlosere hat sich am Roman entzündet: Er erzählt von einer Kindheit voller Kälte und Misshandlungen. Dem Vater wird vorgeworfen, Yann körperlich gezüchtigt und seelisch gequält zu haben. Unter den Strafen: Schläge mit dem Verlängerungskabel, Wochenenden im Keller, Aussetzen im nächtlichen Wald. Die Familie des Autors war wenig amüsiert; José Moix, ein 75 Jahre alter pensionierter Physiotherapeut, hat sich in den Medien zu Wort gemeldet. Besonders sein Brief an den „Observateur“ ist aufschlussreich: Zwar leugnet der Vater nicht körperliche Strafen, aber doch die drakonischen des Romans; auch sei die Toleranz gegenüber physischer Züchtigung damals noch größer gewesen. Vor allem aber erklärt er den Kontext: dass sein Sohn schwer zu kontrollieren und von großer Grausamkeit gegenüber dessen vier Jahre jüngerem Bruder Alexandre gewesen sei, dessen Existenz Yann nie akzeptiert habe. Mit sechs Jahren habe er versucht, Alexandre aus dem Fenster zu werfen, später, ihn in der Toilette zu ertränken; als Teenager habe Yann Alexandre mit einem Messer verfolgt. Bezeichnenderweise ist von einem Bruder in „Orléans“ gar nicht die Rede, was die Version des Vaters zu stützen scheint. Und auch Alexandre Moix hält in einem Brief an „Le Parisien“ vom 24. August dagegen: Er bestätigt die väterliche Version und wirft seinerseits dem älteren Bruder Grausamkeit vor. Der wiederum erhält Unterstützung von Kindheitsfreunden, die seine Erzählung als realitätsnah einstufen.

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