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Yann Moix’ Antisemitismus : Abrechnung in Frankreich

  • -Aktualisiert am

Freundschaft mit Rechtsextremen bis 2013

Nun könnte man diese Polemik als Familienstreit abbuchen und sich auf die literarischen Qualitäten von „Orléans“ konzentrieren, der zwar einen etwas getragenen Stil zelebriert, aber sein wenig erfreuliches Thema mit beeindruckender Verve gestaltet. Doch das verhindert eine zweite Polemik, die wohl eine Folge der ersten ist, sie aber mittlerweile weit in den Schatten stellt: Am 26.August sind in „L’Express“ antisemitische Zeichnungen und Texte von Yann Moix aufgetaucht – Quelle unbekannt. Die Machwerke waren in drei Nummern einer negationistischen Studentenzeitschrift namens „Ushoaia“ erschienen, ein Wortspiel, das „Schoa“ und „Ushuaïa“, eine Sendung des Naturfreundes Nicolas Hulot, verbindet; Moix hatte sie dort 1990, mit Anfang zwanzig während seiner Studienzeit in Reims, publiziert. Ihre Existenz ist hochnotpeinlich, gerade für den Autor von „Mort et vie d’Edith Stein“ (Leben und Tod von Edith Stein, 2008), mehr aber noch für den Schützling des Philosophen Bernard-Henri Lévy, der Moix 1993 unter seine Fittiche genommen hat. In den Zeichnungen attackiert er den späteren Mentor persönlich.

Die Reaktion von Moix – eigentlich als knallharter Talkshow-Killer bekannt – überzeugt nicht. In „Libération“ und in der aktuellen Ausgabe von „On n’est pas couché“, wo Moix diesmal als Gast auftrat, hat er vordergründig alles zugegeben, die Jugendsünde gebeichtet, retrospektiven Selbstekel und Erleichterung verkündet. Tatsächlich rückt Moix die Wahrheit nur scheibchenweise heraus, gab erst die Zeichnungen zu, dann die Texte und sprach in der Sendung dennoch nur von „antisemitischen Comics“, obwohl die der eher harmlose Teil sind. Belastend hinzu kommen neuere Fakten: Freundschaften mit den Rechtsextremen Marc-Edouard Nabe und Paul-Éric Blanrue etwa, die heutzutage zwar Vergangenheit sind, aber doch weit über die Jugendtage von Moix hinausreichten, wie „Le Monde“ betont: bis 2013 nämlich. Schließlich wird Moix’ Vorwort für eine Anthologie antisemitischer Texte von 2007 neu diskutiert. Wie vehält sich Moix dem gegenüber? Klärt die Fragen nicht und spekuliert lieber, wer ihm schaden wolle.

Sein Förderer Lévy jedenfalls wusste von den Jugendsünden und hat Moix öffentlich vergeben: „Ich glaube an die Reue. Ich glaube an die Wiedergutmachung.“ Moix’ Verleger Olivier Nora (Grasset) war seit 2007 informiert und hält dem Autor auch die Treue. Seine Chancen, mit „Orléans“ den Prix Goncourt einzuheimsen, dürften zwar mittlerweile gegen null gehen – die Verkaufszahlen aber in die Höhe schnellen. Nicht alle Mitstreiter sind indes ähnlich barmherzig: Laurent Samama, Mitglied im Redaktionskomitee der von Lévy begründeten Zeitschrift „La Règle du jeu“, distanziert sich deutlich.

Bisher unterstützt erstaunlicherweise die Union des étudiants juifs de France, die jüdische Studentenvereinigung, Moix, der seit Jahren den Talmud studiert. Doch weitere Enthüllungen würden wohl die Dämme brechen lassen. So oder so: In einer Zeit verbaler Erhitzungen und Entgleisungen wirkt der Fall symptomatisch. Er zeigt erstens die perversen Mechanismen der Grenzüberschreitung, wie sie viele Medienprominente zelebrieren – und die skurrilen Mechanismen der Tabuisierung, mit denen die eine Provokation zu viel sanktioniert werden. Zweitens rührt er das trübe Grundwasser des Antisemitismus auf, der leider im kulturellen und politischen Leben Frankreichs wieder präsent ist.

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