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T.C. Boyle wird siebzig : Von Ratten und Menschen

T.C. Boyle ist in Amerika wie in Deutschland zur Schullektüre geworden Bild: Getty

Bei dem Schriftsteller T.C. Boyle kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er Werke wie am Fließband produziert. Nebenbei antwortet er auch noch seinen Lesern auf Twitter. An diesem Sonntag wird der Autor siebzig Jahre alt.

          Wenn man T.C. Boyle auf Twitter folgt, könnte einem eine Parallele zu Hermann Hesse aufgehen. Hesse nämlich pflegte, gerade in zunehmendem Alter, eine liebevolle Korrespondenz mit seinen Lesern, ja, er nahm für einige beinahe die Funktion eines Therapeuten ein. So auch Boyle: Kein Katzenfoto, das man ihm schickt, kein Gejammer und keinen Gruß lässt er unbeantwortet, selbst wenn er nur schreibt: „I hear you“, „You are quite welcome, Ursula“ oder „Molto cool“. Was bei Hesses Antworten das beigegebene Mini-Aquarell aus Montagnola war, sind bei Boyle Fotos von Pilzen, Sonnenuntergängen oder seinem Schreibtisch im kalifornischen Montecito. Er lässt andere minutiös an seinem Alltag teilhaben (oder tut zumindest glaubhaft so).

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Gegensatz zu Hesse, der zuletzt vom Briefeschreiben völlig absorbiert war, ist Boyle allerdings auch im Alter noch schriftstellerisch produktiv. Seit 1979, also in knapp vier Jahrzehnten, hat er mehr als hundert Erzählungen sowie sechzehn Romane verfasst und darin besonders die amerikanische Kulturgeschichte ausgelotet – mit einem Schwerpunkt auf ihren Freaks und Aussteigerfiguren, auf Sexualität und auf dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Seine produktive Schlagzahl ist beeindruckend – erst dieses Jahr erschien auf Deutsch ein neuer Erzählband („Good Home“), im Januar bereits folgt ein Roman über den LSD-Guru Timothy Leary.

          Des Eindrucks der Fließbandproduktion kann man sich da nicht ganz erwehren. Und man darf auch klar sagen, dass Boyle schon entbehrliche Bücher geschrieben hat – so zuletzt etwa den viel zu langen, etwas mühsam fiktionalisiert wirkenden Roman „Die Terranauten“ (2016) über das „Biosphere“-Experiment in Arizona. Aber man sollte auch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Denn Boyle ist als sozialkritischer, realistischer Erzähler von Bedeutung, gerade für die gegenwärtigen Vereinigten Staaten, und er hat auch gelungene Satiren vorgelegt. Das eine lässt sich vielleicht am besten an seinem 1995 erschienenen Roman „The Tortilla Curtain“ (deutsch: „América“) zeigen, der, an Steinbeck geschult, die Härten im Leben illegaler Einwanderer in die Vereinigten Staaten beschreibt und lange vor der Ära Trump schon von einer beängstigenden und beschämenden Realität zeugte, die sich nunmehr noch verschärft. Er ist in Amerika wie in Deutschland zur Schullektüre geworden, zu Recht.

          Die Nagetiere hat Boyle besonders ins Herz geschlossen

          Das andere – freilich etwas schwieriger zu beweisen – könnte man am selben Buch festmachen – nur dass aus der satirischen Darstellung der gated communities, die in dem Roman immer höhere Mauern um sich bauen, durch Trumps Mauerplan inzwischen bittere Realität geworden ist. Stärker noch tritt Boyles satirisches Potential in Werken wie „Willkommen in Wellville“ (1993) oder „Drop City“ (2003) zutage, in denen er zwei ganz unterschiedliche Reformbewegungen aufspießt.

          Das Überleben in der Wildnis, das den Kern alter und neuer amerikanischer Mythen bildet, ist Boyles Lebensthema – inklusive der daraus erwachsenden Zivilisations-Utopien, die er gern auch spöttisch beäugt. Er verliert aber über den großen Gesellschaftsentwürfen nicht den Blick für das kleinteilige, oft miese Leben von Tag zu Tag. Auf der Mikroebene seiner Beschreibungskunst steht Hard-boiled-Witz („Sein Gesicht sah aus wie eine Papiertüte, die im Regen gelegen hatte“) neben geschickter englischer Untertreibung, die nicht selten Katastrophales kaschiert („a flush toilet that generally worked, at least in warm weather“).

          Daneben fällt auf, dass er eine gewisse Obsession mit Tieren hat. Er nutzt sie gern metaphorisch wie den Kojoten in „América“ oder den Wolf in der Erzählung „Das wilde Kind“, aber manchmal auch fast schon als Protagonisten wie in der jüngst erschienenen Story „1300 Ratten“. Die Nagetiere hat Boyle wohl besonders ins Herz geschlossen, wie nicht nur seine Twitter-Anhänger wissen. Er hat ihnen sogar schon einen Brief geschrieben: In der Serie „Letters to the Future“ des „Paris Climate Project“ gibt er den Ratten Ratschläge für ihre Zeit als Nachfolger des Menschen, im sicheren Bewusstsein, dass sie ihn überleben werden. In Menschenjahren gerechnet, wird Thomas Coraghessan Boyle an diesem Sonntag siebzig.

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