https://www.faz.net/-gr0-9ujwp

Paul Nizon zum Neunzigsten : Eine Rückkehr war nie vorgesehen

Paul Nizon weiß, welche Posen er seinem Mythos schuldet: Der Autor 2012 in Bern. Bild: Picture-Alliance

Leiden unter Schönheitshunger: Dem Schweizer Schriftsteller und genialen Provokateur Paul Nizon zum neunzigsten Geburtstag.

          4 Min.

          An diesem Donnerstag feiert Paul Nizon in Paris, wo er seit bald einem halben Jahrhundert lebt, Geburtstag – im kleinen Kreis, ganz privat: Mit seiner dritten Frau Odile, einer Französin, und seinem jüngsten Sohn Igor, der inzwischen auch schon dreißig ist. In einem Restaurant werden sie essen. Eine zur Feier anberaumte Lesung wurde in den Januar hinein verschoben. „Abfeierungen“, sagt er, „hat es schon genügend gegeben.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Schweiz, das Land seiner Geburt, ehrt ihn seit ein paar Wochen. Nach Aarau, wo die ihm gewidmete Ausstellung noch bis Anfang Januar zu sehen sein wird, war er mit Odile zur Vernissage angereist. Eine Veranstaltung in der Berner Landesbibliothek wurde vergangene Woche zu einem Treffen seiner Schweizer Familie und Freunde. Gefeiert wurden die Neuauflage seines Erstlingsbuchs „Canto“ mit einem neuen Vorwort des Schriftstellers, das Erscheinen der Literaturzeitschrift „Quarto“ (Nummer 47: „Paul Nizon“) und die Unterzeichnung eines Vertrags, der dem Schweizerischen Literaturarchiv einen weiteren Teil seiner Korrespondenz garantiert: „Ich bin ein großer Briefschreiber, noch immer. Meine ersten beiden Frauen sind gestorben, ich habe meine Briefe an sie zurückbekommen. Es geht in ihnen nicht nur um die Liebe. Viele habe ich aus London geschrieben, wohin ich mich regelmäßig für ein paar Monate zurückzog. Ich sprach kein Englisch und kannte nur zwei Personen, eine davon war Canetti, mit dem ich stundenlang diskutierte. Die Briefe handeln auch von meinem Schreiben, eines Tages werden sie publiziert werden.“

          In der Schweiz litt er unter Schönheitshunger

          Herrliche Briefe, die Nizon aus Paris an den Wegbegleiter und Feuilletonisten Dieter Bachmann schickte, den langjährigen Kulturredakteur der „Weltwoche“ und Schriftsteller, sind in „Quarto“ abgedruckt, und Bachmann steuerte einen vielstimmigen Essay über das Klappern der Schreibmaschine bei: „Alte Musik“. Mit seiner „Kunstschriftstellerei“, die Nizon hartnäckig als Brotberuf im Dienst der Literatur verniedlichte, befasst sich im Heft der junge Autor Pino Dietiker, der die Aarauer Ausstellung gestaltete und kürzlich den Band „Sehblitz“ herausgab. Aus der gleichen literarischen Generation der Enkel würdigt Dorothee Elmiger unter dem Titel „Die fürchterlichen Augen des Paul Nizon“ dessen Werk, in dem es immer darum gehe: „Wie einer schreibt“.

          Nizon war zwei Tage zuvor aus Paris eingetroffen. „Ich habe keinen Blick auf die Schweiz, meine Tochter Valéry lebt in Baden, das liegt völlig abseits, ich reiste direkt dorthin.“ Das Schreiben, nach dem er sein Leben ausrichtete, ging auf Kosten der Familie. „Dürrenmatt und Frisch kamen zu Besuch, aber wir hatten nie Geld“, unterbricht sein Sohn Vincent, der aus Zürich gekommen ist, das Gespräch im Besprechungszimmer des Literaturarchivs. Er hatte Forstwirtschaft studiert und ist von der ökologischen Apokalypse beseelt. Valéry, die in der Literatur tätig ist, hat sich für die Dauer unseres Gesprächs zu einem Kaffee verabschiedet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump gibt vergangenen Dienstag eine Pressekonferenz im Weißen Haus.

          Trump erwägt Zahlungsstopp : „Die WHO hat es vergeigt“

          Die Weltgesundheitsorganisation sei „China-zentrisch“ und habe in der Virus-Krise schlechten Rat gegeben, so Donald Trump. Er lasse Amerikas Zahlungen prüfen. Zunächst klang seine Drohung sogar noch drastischer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.