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Frido Mann wird 80 : Stolze Pflicht des Enkelseins

Fortsetzung der Familientradition: Frido Mann neben einem Porträt seines Großvaters Thomas Mann Bild: dpa

Frido Mann gehört zu den wichtigsten Botschaftern des deutsch-amerikanischen Austauschs in der Welt. Dem Schriftsteller und Psychologen zum 80. Geburtstag.

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          Als Frido Mann geboren wurde, sandte sein Vater Michael sofort eine Nachricht an den Großvater Thomas in Pacific Palisades. Der notierte in seinem Tagebuch: „Telegramm von Bibi aus Carmel, daß das Kind, ein Knabe, glücklich zur Welt gekommen. Die Großvaterschaft kommt spät und macht mir geringen Eindruck.“ Diese Zurückhaltung bewahrte sich Thomas Mann noch für einige Zeit. Als seine Frau Katia zehn Tage später abreiste, um den Sohn von Gret und Michael Mann in Augenschein zu nehmen, hieß es: „Bin froh über den heute gefaßten Entschluß, K. auf ihrer Enkelfahrt nach Carmel nicht zu begleiten.“ Es dauerte dann noch mehr als einen Monat, bis er Frido selbst sah, und dafür musste der schon zu ihm kommen. Unter dem 16. September 1940 steht im Tagebuch: „Ankunft von Gret mit dem Baby Fridolin.“ Das machte auch noch wenig Eindruck; am Folgetag ist die persönlichste Beschäftigung, die Mann für notizwürdig hielt: „Den Pudel ausgeführt.“ Aber am Folgetag begann der kleine Junge sich ins Herz des damals Fünfundsechzigjährigen einzuschleichen: „Das leise Quarren des Enkel-Bürschchens erinnert an alte Zeiten.“ Er und Katia Mann hatten ja immerhin sechs Kinder großgezogen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Enkel kamen noch einige dazu, aber Frido Mann sollte zum Liebling seines Großvaters werden. Als er im April 1942 erstmals ins neu bezogene Haus von Thomas Mann im San Remo Drive mitgebracht wurde, kam der Hausherr geradezu ins Schwärmen: „Entzückt vom Wiedersehen mit dem Kleinen. Entstehendes Lächeln der Erinnerung u. des Wiedererkennens. Allein mit ihm im Living Room, zutunlich. Zu Bett gebracht.“ Als es nach knapp zwei Wochen Abschied nehmen hieß, schweiften die Gedanken von Thomas Mann bereits zum nächsten Besuch voraus: „Der Kleine soll Anfang Juni wiederkommen.“

          Thomas Mann und Elisabeth Mann Borgese im Garten der Villa in Pacific Palisades (um 1946)

          Frido Mann wurde regelmäßiger Gast im Exildomizil seiner Goßeltern, und deshalb ist ihm heute das Haus am San Remo Drive besonders wichtig. 2016 wurde es von der Bundesrepublik Deutschland gekauft und danach zu einem Residenzhaus umgebaut, in dem der deutsch-amerikanische Austausch gepflegt wird, doch dessen wichtigster Botschafter in der Welt ist der zum Ehrenfellow ernannte Frido Mann, und das nicht nur der Familienaura wegen. Mit seinem Buch „Das weiße Haus des Exils“ hat er 2018 seine Erinnerungen an die Kindheitsaufenthalte in Pacific Palisades und seine Vision von der transatlantischen, demokratiefördernden Wirkung, die von den Gästen des nunmehr „Thomas Mann House“ betitelten Gebäudes ausgehen soll, aufgeschrieben.

          Es ist die Vision eines Mannes, der sowohl die amerikanische als auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, der als Schriftsteller erfolgreich ist, aber auch als Psychologe, und das auf der Grundlage weiterer abgeschlossener Studien in Musik und Theologie. Alle diese Interessen prägen Frido Manns Bücher, aber im „Weißen Haus des Exils“ wird das Ineinanderspielen von Politischem, Psychologischem und Kulturellem exemplarisch deutlich. Das kommende Buch soll diese Gedanken fortsetzen. Es wird „Democracy for Future“ heißen, und damit wird Frido Mann selbst eine Art Tagebuch vorstellen: über seine Eindrücke von Amerika seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten im November 2016. Enden wird die Betrachtung mit dem November 2019, als Mann von einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten zurückkehrte – einer politischen lecture tour, wie sie auch sein Großvater mehrfach unternommen hatte.

          Zum letzten Mal in dessen Tagebüchern tritt Frido Mann als Besucher des Erkrankten im Kantonsspital von Zürich auf. Es ist überhaupt der letzte Eintrag, den Thomas Mann noch zustande brachte, am 29. Juli 1955, zwei Tage vor Fridos Geburtstag, zwei Wochen vor dem eigenen Tod. Doch der eigentliche Abschied der beiden erfolgte einen Monat zuvor. Am 30. Juni notierte Thomas Mann in seinem Kilchberger Haus: „Frido spielte uns gestern mit seinem Vater, der am Klavier die Violine markierte, den 1. Satz seiner Sonate vor. Nach der allg. Verabschiedung erwartete er mich noch auf der Diele und unter vier Augen küßten wir uns zu besonderem Abschied bis Weihnachten.“ Solche Zuneigung verpflichtet. Dem Andenken Thomas Manns hat sich sein Enkel, der heute achtzig Jahre alt wird, mittlerweile mehr verschrieben als jedes andere Mitglied der Familie.

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