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Claudio Magris wird 80 : Der Hellseher von Triest

Wird Achtzig: Der Schriftsteller Claudio Magris Bild: dpa

Er ist nicht nur Schriftsteller sondern auch Romancier, Essayist und Literaturwissenschaftler. Claudio Magris stellt beharrlich die Frage nach der Wahrheit. J

          Der „Corriere della Sera“ hat kürzlich die fünfzig Jahre seiner Zusammenarbeit mit Claudio Magris als Literaturkritiker und Kolumnist gefeiert. 2009 war dem Germanisten aus Triest, der in Freiburg und Turin studiert und Essays über E.T.A. Hoffmann, Joseph Roth, Musil und Hesse veröffentlicht hat, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen worden. Beim Walter-Hallstein-Preis, den er im Jahr zuvor bekam, hielt Joschka Fischer die Laudatio. Beide Auszeichnungen würdigen ein Werk, das wie wenige von Europa durchdrungen und dem Frieden verpflichtet ist.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Hinzu kommt eine fast schon prophetische Dimension. Magris’ Meisterwerk „Donau“, eine Reise von der Quelle im Schwarzwald bis ans Schwarze Meer, löste in den achtziger Jahren ein Schwärmen für Mitteleuropa aus. Der verlorene Kontinent kehrte dank Magris und Autoren wie Milan Kundera über die Literatur in die Wahrnehmung und wenig später durch die Wiedervereinigung in die Wirklichkeit zurück. Der „habsburgische Mythos“, dem Magris schon seine Doktorarbeit gewidmet hat, spielt in dieser Kontinuität eine wichtige Rolle. Sogar in Frankreich, wo er genauso verehrt wird wie im deutschen Kulturraum, schwärmte man damals von „la Mitteleuropa“.

          Kriegsmuseum zum Zwecke des Friedens

          Der Schriftsteller ist wegen dieser „Entdeckung“, die vielmehr eine Offenbarung war, als „Kolumbus von Triest“ gelobt worden. Sein jüngstes großes Werk, an dem er jahrelang gearbeitet hat, bekam 2017 auf Deutsch einen etwas missverständlichen Titel: „Verfahren eingestellt“. Der juristische Begriff „Non luogo“ bedeutet im Wortsinn „kein Ort“, und bei Magris sind – wie schon in „Donau“ – alle Geschichten in Orten verankert, ja verwurzelt. Eingestellt wurde das Verfahren vom Bedürfnis der Menschen nach dem Schlussstrich, seine Wiederaufnahme durch Claudio Magris erschließt ein weites Feld: Die Spurensuche aus Triest führt durch Italien nach Deutschland, Prag, Russland, es geht nach Amerika, nach Bolivien, Paraguay. Die Handlung aber beginnt und endet in Triest, wo der Protagonist sein „Kriegsmuseum zum Zwecke des Friedens“ begründet und Geräte sammelt, die die Geschichte jener erzählen, die mit ihnen getötet wurden. Magris der Magier rekonstruiert die nach 1945 verdrängten Verbrechen und die Geschichte der Stadt von den Habsburgern bis zur deutschen Besatzung.

          Doch es geht um mehr als nur die Vergangenheit: Der Dichter schafft eine Wirklichkeit, über die unvermittelt die Lüge hereinbricht. Er stellt die Frage nach der Wahrheit. Für Magris sind der verrückte Sammler und sein Museum des Hasses, deren beklemmende Bezüge zur Gegenwart sich keineswegs auf fragwürdige Vergleiche und Parallelen beschränken, nur in Triest denkbar, einer Stadt, für die der Schriftsteller so emblematisch geworden ist wie Prag für Kafka. Im Jahre des „Eingestellten Verfahrens“ ist Magris zum Ehrendoktor der Freien Universität Berlin ernannt, 2018 mit der gleichen Würde in Regensburg ausgezeichnet worden. Regelmäßig kommt der Name des europäischen Dichters auch beim Nobelpreis auf die Liste der Favoriten. Heute feiert Claudio Magris achtzigsten Geburtstag.

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