https://www.faz.net/-gr0-92aa2

W.S. Merwin zum Neunzigsten : Alle Klänge auf der Klippe

Gräbt Stoffe um: Dichter W.S. Merwin Bild: Getty

Der Dichter W. S. Merwin ist zweifacher Pulitzerpreisträger, war lange für den Nobelpreis im Gespräch und zeitlebens ein großer Diener der Sprache. Ein Glückwunsch zum Neunzigsten.

          Der alte Dichter steht im Garten und fragt sich: würde ich diesen Morgen so sehr lieben wie jetzt, wenn ich wüsste, dass er ewig und einzig wäre, „the whole sky the one heaven“? Eine Seite später sagt er in seinem jüngsten Gedichtband, „Garden Time“ (2016) von der Dunkelheit, sie locke ihn an Orte, die er vielleicht schon einmal betreten hat und die sich seither verändert haben, im Licht von Sonnenauf- und Untergängen, die er nicht sah.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Menschen können sich aufs Himmelsdach als Schutz nicht verlassen, sie müssen Häuser bauen, sie brauchen das Handwerk. Die Poetik des nach umtriebigen Wanderjahren in Frankreich, England und Spanien seit 1976 auf Maui in Hawaii lebenden Amerikaners William Stanley Merwin ist von einem rigoros handwerklich gedachten, freilich nirgends konventionellen Dichtungverständnis durchdrungen.

          Der Mann, der seinen Grundbesitz – heute ein Schutzgebiet seltener Palmen – so lange wie physisch möglich eigenhändig gehegt hat, schneidet auch seine Lyrik zurecht, gräbt Stoffe um, zupft am Versmaß. Vom ersten Gedichtband seiner Reifezeit an, „The Lice“ (1967), galt er als Avantgardist, der seine Eingriffe in überkommene Ordnungen der gebundenen Rede aber nicht wie andere Avantgardeköpfte mit theoretischen Abstraktionen, sondern mit praxisnahen Intuitionen begründet. Das Gedicht „Wish“ in diesem Band bringt diese Haltung zu Sprache: „May I bow to Necessity not / to her hirelings“ – „Möge ich mich der Notwendigkeit beugen und nicht / ihren Handlangern.“

          Den Verzicht auf Interpunktion (der bei ihm kein absoluter ist: Gedankenstriche gibt‘s bei Merwin viele, wenn auch längst nicht so viele wie Gedanken) diktierte ihm das Empfinden, Satzzeichen würden ein Gedicht „wie Klammern auf dem Papier festtackern“, was ihm zuwider war.

          Den erfindungsreichsten Handwerksmeister – mit T.S. Eliot und Dante: den „miglior fabbro“ – der englischsprachigen Lyrikmoderne, Ezra Pound, hat Merwin in jener Anstalt besucht, in der man den Autor der „Cantos“ vor einem Hochverratsprozess in Sicherheit gebracht hatte (außer Faschisten und Groupies gingen dort neben Merwin weitere sehr Große der Poesie ein und aus, Elizabeth Bishop und Frederick Seidel etwa).

          Mit Sylvia Plath und Ted Hughes war Merwin befreundet; als Lyrikredakteur der linksliberalen „"The Nation“ und Protestballadenschreiber gegen den Vietnamkrieg ließ er sich politisch in die Pflicht nehmen, Elfenbeinturmwächter war der Sohn eines presbyterianischen Geistlichen nie.

          Als überzeugter, wenn auch nicht gerade simpel gestrickter Antihermetiker sieht Merwin Werk so sehr als Verständigungsanstrengung, dass es ihn ins Übersetzen ziehen musste – Nachdichtungen unter anderem aus dem Französischen, Deutschen, Spanischen, Portugiesischen, Chinesischen, Rumänischen schuf er, um zu lernen, und viel lernen kann man daher auch von ihm – über Melos, Rhythmus, Freiheit in der Lyrik.

          Die Großform „Epos“ hat er lange umkreist – seine Übertragung des französischen Rolandsliedes ist kaum behauene, stärkste Felsenprosa: „The Emperor rises in the morning. The King hears mass and matins and then stands on the green grass before his tent.“

          Sehr spät legte er dann ein eigenes Epos vor: „The Folding Cliffs: A Narrative“ (1998).

          Weitere Themen

          Die Stunde der Hinterbänkler

          TV-Kritik: Anne Will : Die Stunde der Hinterbänkler

          Am Vorabend der Brexit-Rückrunde im House of Commons diskutiert Anne Will mit ihren Gästen, als könne die Rettung für Theresa Mays Deal mit der EU aus ihrem Studio in Berlin-Adlershof kommen. Schön wärs!

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Topmeldungen

          Alexander Zverev hatte in Melbourne heute keinen Grund zum Jubeln.

          Australian Open : Zverev verliert sein Achtelfinale

          Mit Alexander Zverev geht der letzte Deutsche in Melbourne als Verlierer vom Platz. Besonders in den ersten beiden Sätzen lief bei dem Hamburger Tennisprofi gar nichts.

          TV-Kritik: Anne Will : Die Stunde der Hinterbänkler

          Am Vorabend der Brexit-Rückrunde im House of Commons diskutiert Anne Will mit ihren Gästen, als könne die Rettung für Theresa Mays Deal mit der EU aus ihrem Studio in Berlin-Adlershof kommen. Schön wärs!

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.