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David Grossman im Gespräch : Ich bin verbannt auf die Insel der Trauer

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„Vergessen, ohne zu töten – erinnern, ohne daran zugrunde zu gehen“: David Grossmans vielfach preisgekröntes Werk wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Bild: Polaris/laif

Bislang sprach David Grossman nicht öffentlich über den Tod seines Sohnes – nun sagt er, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller über seine Heimat Israel, Krieg und Frieden.

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          Ihr Buch „Aus der Zeit fallen“, das nächste Woche am Deutschen Theater in Berlin in einer Bühnenversion aufgeführt wird, ist ein Requiem. Sie trauern darin um Ihren toten Sohn Uri, der im August 2006, in den letzten Stunden des Libanon-Krieges, gefallen ist. Und Sie geben all den Menschen eine Stimme, die einen Menschen verloren haben. Ist das die Art, wie ein Schriftsteller mit den Traumata einer Gesellschaft wie der Israels umgehen kann?

          „Aus der Zeit fallen“ ist kein Buch über Israel, auch wenn gerade bei uns so viele Kinder sterben müssen, durch Kriege oder bei Terrorangriffen. Dieses Buch ist der Versuch, das Leben im Bewusstsein des Todes zu begreifen. Es ist der Versuch, sich so weit wie möglich vorzuwagen an den Punkt, an dem wir Lebenden noch etwas mitbekommen von den Toten. Und mehr als alles andere ist es der Versuch, Worte zu finden für eine Situation, die fast immer ohne Worte auskommen muss.

          Wie meinen Sie das?

          Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir, als wir unseren Sohn Uri verloren haben, das liegt jetzt mehr als sieben Jahre zurück, unglaublich viele Kondolenzbriefe erhalten haben. Wir bekamen auch zahlreiche Briefe von Schriftstellern, manche kannte ich persönlich, andere nur durch ihr Werk. Fast ausnahmslos schrieben sie, dass sie sprachlos seien. Dass sie keine Worte fänden für das, was sie fühlten, für das, was geschehen sei. Für mich war diese Situation unerträglich.

          Warum?

          Wenn es keine Worte mehr gibt, kommen die Klischees. In so einer Situation überschütten dich die Menschen damit. Das fühlt sich schrecklich an. Als würde dir jemand ein Eisenhemd überziehen. Du bist getroffen, verwundet, voller Trauer, und sehnst dich danach, dass Menschen sich auf dich und deine Situation einlassen. Stattdessen bekommst du diese unglaubwürdigen Worte zu hören. Das war der Grund, warum ich dieses Buch schreiben wollte. Ich erinnere mich noch, wie ich damals zu meiner Frau sagte, dass ich, wenn ich schon gestraft bin damit, auf diese Insel der Trauer verbannt zu sein – ein schlimmer Ort –, dann will ich ihn wenigstens kartographieren. Ich will ihn zeichnen, bezeichnen, indem ich allen Gefühlen dort einen Namen gebe, alle Möglichkeiten benenne, die es dort gibt. Der Verlust eines Kindes führt zu völlig ungeahnten Gefühlen und Empfindungen. Sie zu verstehen, das war der Grund für dieses Buch.

          Aber es ist nicht nur ein Buch über die Trauer, sondern auch über das Gehen.

          Absolut. In fast allen meinen Büchern gibt es jemanden, der geht, oder läuft, oder rennt, oder schwimmt.

          In „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ kündigt sich der Weg sogar schon im Titel an.

          Genau. Ora, die weibliche Heldin, läuft eigentlich die ganze Zeit, hundert Kilometer durch die Wüste. Auch in „Aus der Zeit fallen“ ist das Laufen essentiell. Denn es ist eine der ersten Empfindungen, die du hast, wenn du eine Katastrophe erlebst: dass du festsitzt. Dass du dich nicht mehr bewegen kannst, du angenagelt bist, zum Fossil erstarrst. Der Gedanke, dass dich die Katastrophe definiert, ist mir unerträglich. Natürlich bestimmt das Unglück das ganze weitere Leben. Aber ich will nicht hinnehmen, dass es alles in meinem Leben bestimmt.

          Deswegen ist Bewegen und Schreiben etwas, das in Ihrem Werk ineinanderfließt?

          Die Möglichkeit, mich zu bewegen, nicht nur physisch, sondern auch geistig, mental, in der Phantasie, das ist für mich überlebenswichtig geworden. Ich habe gemerkt, wie sehr es mich beschädigen würde, wenn ich der Tragödie erlauben würde, mich zu versteinern. In der Bewegung, selbst wenn sie sinnlos ist, weil man nur im Kreis geht, beginnt irgendwann etwas Neues in dir zu wachsen.

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