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David Grossman im Gespräch : Ich bin verbannt auf die Insel der Trauer

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Und das führt dann dazu...

...das führt dann dazu, dass wir nach so langer Zeit, die wir im Krieg und mit permanenter Gewalt leben, anfangen zu glauben, dass das der einzig denkbare Weg für uns ist. Und nicht nur das: Es gibt Leute, die uns sogar sagen, dass das gut so sei. Die glauben tatsächlich, wir würden als Gesellschaft besser funktionieren, wenn es eine Bedrohung von außen gibt, weil sie uns vereint.

Kann Literatur dagegen überhaupt etwas bewirken?

Nur in ganz kleinen Schritten. Aber ich habe auch nicht den Anspruch, die Realität zu verändern. Was ich mit meinen Büchern erreichen will, ist, Alternativen aufzuzeigen, wie man die Realität auch noch betrachten kann. Wir sprachen vorhin von Ora aus „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Mal argumentiert sie in Sachen Israel wie eine radikale Konservative, dann wieder wie eine Linke. Uns ergeht es in Israel genauso wie ihr. Wir sind normale Leute – in einer abnormalen Situation. Beim Schreiben des Buches habe ich realisiert, was wir in Israel für einen schrecklichen Preis dafür zahlen, dass wir in dieser Situation feststecken und nicht herauskommen. Als das Buch im Ausland erschien, war das Erste, was mir die Leute sagten, dass die ungelöste Situation in Israel so traurig sei. Da war ich baff. Das habe ich so von einem Israeli noch nie gehört. Im Gegenteil. In allen Umfragen zum Glücksempfinden der Länder gibt Israel sich immer die höchste Punktzahl. Das ist ein Witz. Wie kann es sein, dass wir nicht fühlen, wie traurig es ist. Wir haben ja kein Leben, nur ein Überleben, von Monat zu Monat. Was könnte Israel für ein tolles Land sein, mit so vielen interessanten Menschen, voller Wärme, Kreativität, Spiritualität. Aber es bleibt immer nur bei der Möglichkeit. Israel bleibt das versprochene Land, dessen Versprechen nicht eingelöst wird.

Könnten Sie sich denn vorstellen, woanders zu leben?

Niemals. Ich will nur hier leben, auch wenn mich ein Teil dieses Daseins hier wahnsinnig macht. Aber es ist der einzige Ort auf der Welt, an dem ich mich nicht fremd fühle. Die Erfahrung der Juden in den letzten zweitausend Jahren war ja immer die, ein Fremder zu sein. Ich hatte das Glück, 1954 geboren zu sein, zu einem Zeitpunkt also, der mir diese Erfahrung ersparte. Und Israel könnte wirklich der Ort sein, an dem wir Juden uns zu Hause fühlen. Noch ist es nicht so weit, wegen der Kriege, der ungelösten Probleme mit den Nachbarn. Aber ich glaube ganz fest daran, dass es irgendwann einmal unsere Heimat sein wird.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist der Ort, der es dir erlaubt, frei zu atmen. Mit beiden Lungen, ohne Angst, ohne sich bedroht zu fühlen. Wir dürfen nie vergessen, warum die Juden nach Israel zurückgekommen sind. Und wir dürfen niemals vergessen, welche Verbrechen wir hier begangen haben. Nur, wenn wir uns das eingestehen, genauso wie umgekehrt die Palästinenser, gibt es die Chance auf Versöhnung. Der Gedanke, dass es ein Leben ohne Angst gibt, müsste für beide Seiten Grund genug sein. Im Moment aber gibt es nur Agenten des Krieges. Der Frieden hat keine Lobby.

David Grossman

David Grossman kommt am 25. Januar 1954 in Jerusalem zur Welt. Er studiert Philosophie und Theaterwissenschaften und arbeitet später bei „Israel Radio“ als Redakteur und Hörspielautor. 1989 wird ihm gekündigt, weil er Arafats Ankündigung, einen Palästinenserstaat zu gründen, als Spitzennachricht bringen will.

1983 veröffentlicht er seinen Debütroman „Das Lächeln des Lammes“, 1987 folgt „Stichwort: Liebe“ über die zweite Generation der Opfer der Schoa, der ihn international bekannt macht. 2006 wird Grossmans Sohn Uri als Soldat im Libanon-Krieg von einer Rakete tödlich getroffen. Grossman verarbeitet diesen Verlust 2009 in seinem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. 2010 erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 2013 erscheint „Aus der Zeit fallen“. Die Bühnenfassung dieser „Erzählung für Stimmen“ wird in der Regie von Andreas Kriegenburg am kommenden Freitag am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt.

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„Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

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