https://www.faz.net/-gr0-7k688

David Grossman im Gespräch : Ich bin verbannt auf die Insel der Trauer

  • Aktualisiert am

Man kann das nicht verallgemeinern, es gibt so viele junge Autoren in diesem kleinen Land, und sie haben die verschiedensten Themen. Aber es stimmt schon. Viele jüngere Autoren schreiben, anders als wir, eskapistisch. Sie wollen sich nicht mit großen Themen beschäftigen. Sie schreiben über das Leben junger Männer in der Shanking Street in Tel Aviv, über die Probleme, die sie mit der Freundin haben, dem Trinken, den Eltern...

Wie Etgar Keret?

Ja, wobei Etgar Keret eine Echobox hat, die interessant und immer tiefgründig ist.

Die Gewalt hat bereits unsere inneren Organe befallen, haben Sie einmal gesagt, „trotzdem dürfen wir nicht verzweifeln, sonst haben wir verloren.“

Gewalt dringt tatsächlich immer tiefer in unser Innerstes ein. Das passiert überall, insbesondere aber in der israelischen Öffentlichkeit. Da führen wir uns immer aggressiver auf. Sogar sanfte Menschen verhalten sich plötzlich brutal. Das zeigt sich in der Art, wie wir Auto fahren ebenso wie unser Verhalten an den Stränden. An öffentlichen Plätzen sind wir extrem angespannt. Wenn wir Israelis uns zu Hause treffen, in unseren Häusern, mit unseren Familien, sind wir die herzlichsten Menschen überhaupt. Aber draußen sind wir stets in Alarmbereitschaft. Aber nicht nur wegen der Angst vor einem Terroranschlag. Es hat mit einer tiefen Verunsicherung zu tun. Wir meinen genau zu wissen, wer wir sind, und dann treffen wir auf der Straße ganz verschiedene Leute, die genauso in diesem Land leben wie wir, und die wir und die uns überhaupt nicht verstehen. Ich rede nicht nur von Spannungen zwischen Aschkenasim und Sefardim, sondern auch von israelischen Arabern, den aus Russland eingewanderten Juden, denen aus Äthiopien, dann den Ultraorthodoxen, den Siedlern und all den andern Clans. Dieser ganze Mischmasch könnte eine wundervolle Gesellschaft abgeben, aber weil wir in einer Realität leben, die so voller Konflikte steckt, sind wir sogar gegenüber unseren eigenen Leuten aggressiv.

Und was lehrt Sie das?

Über die ungelöste Situation zu verzweifeln, wäre der einfachste Weg. Denn wer verzweifelt, geht der Verantwortung aus dem Weg. Dann hörst du einfach auf, nach Lösungen zu suchen, sondern wirst pathetisch oder zynisch. Das aber ist der Moment, an dem andere, Fanatiker, Rassisten, Nationalisten und Fundamentalisten, versuchen, dich auf ihre Seite zu ziehen. Deshalb ist die Lethargie so gefährlich. Es ist nämlich tatsächlich so, dass die Mehrheit der Menschen in Israel ein normales Leben in Sicherheit führen will und auch bereit ist, dass die Palästinenser einen eigenen, freien und souveränen Staat bekommen. Das will die Mehrheit von uns, aber es führt zu nichts.

Warum nicht?

Weil wir mit Benjamin Netanjahu einen Mann an der Spitze haben, der alles tut, um das zu verhindern. All die Gefahren, die unser Land zu fürchten hat, ob Iran oder sonst wer in der Welt, verknüpft Netanjahu mit den großen Traumata unseres Landes, allen voran mit denen der Schoa. Wenn du aber zu einem Volk gehörst, das wie wir Juden traumatisiert ist, und du stimulierst dieses Narrativ des Traumas immer wieder, dann machst du die Menschen hilflos. Der traumatisierte Mensch ist, sobald er daran erinnert wird, sofort wieder in der Situation der Katastrophe. Die Veränderungen in der Realität sieht er dann nicht mehr. Er erkennt einfach nicht, dass Israel inzwischen eine Großmacht ist mit einem gigantischen Waffenarsenal, wozu wahrscheinlich auch Atomwaffen gehören. Er vergisst, dass Israel die Unterstützung von Amerika, England, Frankreich, von Deutschland hat. Er vergisst das alles und steht stattdessen wieder im Getto, im Konzentrationslager. Auf diese Weise schafft Netanjahu eine Gesellschaft, die unfähig ist, Frieden zu schließen, wenn die Zeit denn endlich dafür reif dafür ist.

Weitere Themen

Die Frankfurter Paulskirche Video-Seite öffnen

Rundflug : Die Frankfurter Paulskirche

1848 bis 1849 tagte hier die Nationalversammlung. Nach dem Brand im März 1944 wurde sie zum hundertsten Gedenktag der Nationalversammlung am 18. Mai 1948 als „Haus aller Deutschen“ wiedereröffnet.

Topmeldungen

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Hauptsache, der Riesling fließt

Die Weinernte dieses Jahr wird wohl unterdurchschnittlich, aber besser als letztes Jahr. Wie die Erntemengen schwankt auch der Geschmack der deutschen Weintrinker – einer Sorte aber bleiben sie seit Jahren treu.
Aufgebracht: Wieder haben Frauen in Warschau gegen die Verschärfung des Abtreibungsverbots demonstriert.

Abtreibungsgesetz in Polen : „Die Revolution ist eine Frau“

In Polen demonstrieren Tausende seit Tagen gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz. Der Protest reicht sogar bis in die Gottesdienste. Welche Lager stehen einander hier gegenüber?
Start des neuen „Neuen Marktes“ im März 2017 mit dem damaligen Börsenchef Carsten Kengeter, der Chefin des Aktieninstituts Christine Bortenlänger und Hauke Stars, damals zuständig für das Börsenparkett

Mehr als nur Facebook : Schaut auf Scale!

Es gibt einen neuen „Neuen Markt“ an der Börse. Wussten Sie nicht? Schade. Denn da gibt es interessante Aktien.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.