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David Grossman im Gespräch : Ich bin verbannt auf die Insel der Trauer

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Sie haben einmal gesagt, dass Sie „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ begonnen haben zu schreiben, um Ihren Sohn Uri, als er in den Krieg zog, mit Worten zu beschützen. Vergebens. Ist „Aus der Zeit fallen“ ein Abschied?

Es ist der Versuch, die Erinnerung lebendig zu halten. Da steht gleich am Anfang der Satz: „Er ist tot, er ist tot, aber sein Tod ist nicht tot.“ Darum geht es. Sich zu erinnern und trotzdem irgendwie weiterzuleben. Das erfordert immense Kräfte. Du musst vergessen können, ohne zu töten – und du musst dich erinnern, ohne daran zugrunde zu gehen. Das ist ein sehr schmaler Grat.

Michael Köhlmeier, der über den Tod seiner Tochter die Novelle „Idylle mit ertrinkendem Hund“ geschrieben hat, sagte mir einmal, dass er Paulas Tod nie überwinden wird. Dass er aber mit dem Buch versucht hat, der Trauer eine vorübergehende Form zu geben.

Ja, das stimmt wohl. So kann man es sagen. Man kommt tatsächlich niemals darüber hinweg. Weil es auch nichts ist, das dir einfach so passiert. Nein, es wird ein Teil von dir. Es prägt dich und formt dich. Es ist aber auch so, dass wir Schriftsteller unser Leben vor allem durch unser Schreiben begreifen. Es ist sogar so, dass das der Zustand ist, in dem wir in der Welt sind. Schreibend. Geschichten schreibend. Momente beschreibend. Mir war sehr bald klar, dass ich über den Tod meines Sohnes schreiben würde. Dass ich es tun musste. Weil ich wusste, wenn ich es nicht täte, würde ich mich aus meinem Leben verabschieden. Und ich wäre immer der Versuchung ausgeliefert, mich so weit wie möglich von meinem Schmerz zu entfernen. Viele tun das, und ich verstehe das. Es gibt diesen Instinkt, sich vor dem Schmerz zu retten, sich der Trauer nicht die ganze Zeit auszusetzen.

Ist das ein Opfer für Sie, sich immer wieder in die Situation zu begeben?

Nein, kein Opfer, eher ein Weg, um...ach, ich will keine große Worte bemühen. Ich dachte einfach, ich sollte es tun. Wissen Sie, ich habe über so viele Dinge geschrieben, die mir im Leben passiert sind. Das ist sicherlich das Schmerzhafteste, eine Wunde in meiner Seele, die nie verheilt.

Vor diesem Hintergrund, dass Sie sich aussetzen, ist es da nicht besonders schwierig, ein Autor gerade in Israel zu sein? Einem Land, das Sie ständig herausfordert?

Ich mag das (lacht). Ich bin geradezu süchtig danach. All diese Konfrontationen in Israel, all die Widersprüche – ich liebe das.

Sie wünschen sich als Autor also niemals, die Tür hinter sich zu schließen und sich ins Reich Ihrer Phantasie zurückzuziehen?

Doch, und wie! Mindestens zehnmal am Tag. Wenn da wieder eine Initiative ansteht, es wieder irgendwo Ärger gibt, es heißt, du musst unbedingt diesen Autor treffen, jenen politischen Kopf – dann denk ich oft: „Lasst mich doch alle in Ruhe! Ich will zu Hause bleiben und in Ruhe schreiben!“ Weil, Schreiben und Phantasieren ist jedenfalls für mich ein ultimatives Vergnügen. Doch es scheint nun einmal der Fluch meiner Generation zu sein, dass wir glauben, Verantwortung übernehmen zu müssen. Und wir wollen ja auch wirklich etwas verändern an der Situation in Israel. Wir wollen unseren Kindern ein besseres Land hinterlassen.

Viele Ihrer jüngeren Kollegen in Israel wollen die Verantwortung, von der Sie sprechen, nicht wahrnehmen. Sie haben andere Zugänge zur Literatur als noch Ihre Generation.

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