https://www.faz.net/-gr0-9vnr7

Romandebüt von David Diop : Grässlicher Konzeptsoldat im Schützengraben

  • -Aktualisiert am

Hoch ausgezeichnet in Frankreich für einen Debütroman: der 1966 in Paris geborene David Diop. Bild: Opale/Leemage/laif

In seinem Debütroman schickt David Diop einen Schwarzafrikaner auf Rachefeldzug in den Ersten Weltkrieg. In Frankreich wurde er für sein Buch ausgezeichnet, dabei wirkt es doch arg und brutal konstruiert.

          4 Min.

          Während des Ersten Weltkriegs empörte sich Thomas Mann über die Kriegspropaganda der Franzosen und Engländer, die höchst effektiv die Deutschen als Hunnen, Barbaren, Kinderschlächter oder als fettleibige, mit monströsen Darmschläuchen ausgestattete Untermenschen präsentierte.

          Dagegen versuchte er in seinen polemischen Kriegsartikeln Gegenbilder zu entwickeln, so die folgende Darstellung eines französischen Kriegers: „Ich zeige Ihnen ein Bildchen. Ein Senegalneger, der deutsche Gefangene bewacht, ein Tier mit Lippen so dick wie Kissen, führt seine graue Pfote die Kehle entlang und gurgelt: ,Man sollte sie hinmachen. Es sind Barbaren.‘“

          Tier, Pfoten, Kissenlippen – ja, wenn das kein Rassismus ist. Thomas Mann veröffentlichte den Essay, in dem diese Sätze zu lesen sind, im April 1915. In jenen Tagen beschäftigte auch Max Weber das Erscheinen des „Senegalnegers“ auf den europäischen Kriegsschauplätzen. In einem Brief vom 13. April 1915 reflektierte er über die Spannung von Kultur und Barbarei, in der sich die deutschen Soldaten befänden, nicht aber die „Wilden“ aus den Kolonien. Es gebe Menschen, die „inmitten einer raffinierten Kultur leben“, aber „trotzdem draußen dem Grausen des Krieges gewachsen sind – was für den Senegalneger keine Leistung ist!“

          Nicht die industrielle Kriegsführung rief Entsetzen bei deutschen Intellektuellen hervor, sondern der Einsatz schwarzer Soldaten, rekrutiert aus den Kolonien. Wenn die Stahlgewitter Millionen junge Männer zerfleischen, dann ist dieses mit technologischer Sachlichkeit ausgeführte Inferno auf der Höhe europäischer Zivilisation, die erst durch die Machete gefährdet ist, eine Waffe, mit der die schwarzen Soldaten wegen des Abschreckungseffektes gezielt ausgestattet wurden. In der Machete symbolisiert sich die Mordlust des Wilden. Für die deutsche Kriegspublizistik hatten die Franzosen mit dem Einsatz von Afrikanern das Abendland verraten.

          Jetzt hat sich der 1966 in Paris geborene frankosenegalesische Schriftsteller David Diop dieses Themas angenommen, das in der umfangreichen Erzählliteratur über den Ersten Weltkrieg bisher kaum behandelt wurde. Sein Roman „Nachts ist unser Blut schwarz“ beschäftigt sich allerdings nicht dokumentarisch mit dem Schicksal der 180.000 „Senegalschützen“ in den französischen Verbänden, sondern betreibt literarische Identitätsforschung anhand eines Einzelfalls, der den Lesern mit den Mitteln der Introspektion beklemmend nahegebracht wird.

          Bereits im ersten Kapitel liegt der Ich-Erzähler Alfa Ndiaye unter einem Himmel von eiskaltem Blau in einem Erdloch bei seinem schwer verwundeten Kameraden und Kindheitsfreund Mademba Diop, mit dem zusammen er aus einem Dorf in Senegal nach Frankreich gekommen ist. Das Bajonett eines deutschen Soldaten hat Mademba den Bauch aufgerissen. Seine herausgequollenen Gedärme betastend, fleht er den Freund wieder und wieder an, seine Leiden abzukürzen und ihn zu töten. Alfa kann sich zu diesem schrecklichen Freundschaftsdienst jedoch nicht durchringen, und so stirbt Mademba stundenlang vor sich hin.

          Bald darauf beginnt Alfa seinen persönlichen Rachefeldzug. Das erlebte Grauen wird ihm zu einer Urszene, die er immer von neuem wiederholt – nun aber mit deutschen Soldaten, die er nach den Angriffen in Erdlöcher verschleppt, wo er ihnen den Bauch öffnet, ihre Organe herausnimmt und ihnen beim langsamen Sterben zusieht. Schließlich hackt er ihnen eine Hand ab, die er als Trophäe mit zurückbringt in den Unterstand. Anfangs sind seine Vorgesetzten noch begeistert von seinem Mut, bis ihnen die Sache mit den Händen unheimlich wird. Er solle es doch bitte nicht übertreiben: „Deine Art der Kriegsführung ist ein bisschen zu wild.“ Auch seinen Kameraden erscheint der Afrikaner bald von einem bösen Geist besessen. Schließlich wird er zur psychiatrischen Begutachtung ins Hinterland geschickt.

          Weitere Themen

          Stille Tage in New York

          Malen in der Pandemie : Stille Tage in New York

          Ein Gespräch mit dem chinesischen Maler Liu Xiaodong über seine Bilder, die in Amerika während der Pandemie entstanden sind, über Regulierung, Freiheit und Flüchtlingslager in Mexiko.

          Nina Gummich Video-Seite öffnen

          „#allesdichtmachen“ : Nina Gummich

          Dutzende Film- und Fernsehprominente veröffentlichen ironische Videos zur Corona-Politik der Bundesregierung unter dem Hashtag #allesdichtmachen. Sehen Sie hier das Video von Nina Gummich.

          Zeugnisse des Widerstands

          Bibliotheksbrand in Kapstadt : Zeugnisse des Widerstands

          Ein Großbrand hat das Universitätsgelände von Kapstadt verwüstet. Zahlreiche Dokumente zur jüngeren Geschichte Südafrikas und des ganzen Kontinents wurden dabei vernichtet.

          Topmeldungen

          Volvo-Chef im Interview : „Unsere Kunden wollen Elektroautos“

          Volvo will als erster Autobauer den Verbrennungsmotor komplett abschaffen. Darüber spricht der Chef Hakan Samuelsson im Interview. Und er sagt, warum er bald keine Rabatte mehr beim Neuwagenkauf gibt.

          Rübenzucker : Der den Rüben Zucker gab

          Die süßen Kristalle waren Jahrhunderte exotische Importware – bis der vor 200 Jahren verstorbene Franz Carl Achard erkannte, dass sie sich auch aus einer heimischen Pflanze gewinnen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.