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Romandebüt von David Diop : Grässlicher Konzeptsoldat im Schützengraben

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Offenkundig geht es David Diop um die Auseinandersetzung mit der rassistischen Ideologie über die „Schokosoldaten“. Weil es den Deutschen graut vor den „Kannibalen“ und „Zulus“, ist es ihr Auftrag, möglichst martialisch den „Wilden“ zu geben. Wenn sie nach dem Pfiff zum Angriff aus dem Schützengraben springen, müssen sie ungeachtet ihrer Todesangst die blutrünstigen Barbaren mit dem Wahnsinn in den Augen spielen. Alfa Ndiaye jedoch kommt ihnen bald wie ein wirklich Wahnsinniger vor, der sich womöglich nur verstellt, solange er sich mit ihnen in den Unterständen aufhält.

David Diop: „Nachts ist unser Blut schwarz“. Roman. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 160 S., geb., 18,– .
David Diop: „Nachts ist unser Blut schwarz“. Roman. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 160 S., geb., 18,– . : Bild: Aufbau Verlag

Als Ich-Erzähler erscheint Alfa aber durchaus nicht verrückt. Er wirkt eher wie eine Art grässlicher Konzeptkünstler, der mit abgehackten Händen und Gedärmen arbeitet, um das rassistische Klischee vom wilden Schwarzen überzuerfüllen. Er habe eine Figur erfunden, schreibt David Diop im Nachwort, „die sich des negativen Bildes bewusst wird, das mit ihrer Negritude verbunden ist“. Die Leser sollen sich fragen, worauf die Darstellung des „Anderen“ in Konfliktsituationen eigentlich fuße.

Es geht in diesem Roman also weniger um realistische Kriegsdarstellung als um Belehrung. Alfa Ndiaye erscheint wie die plakative Ausgeburt eines Regietheatermachers, der allerhand Gedanken über das „Othering“ und die Ideologie der Wildheit im Kopf hat – und womöglich auch auf die Kolonialverbrechen in Kongo anspielen will (wo den Sklaven oft als Bestrafung die Hände abgehackt wurden). Das alles mag gut gemeint sein, aber das Diskursive gewinnt Oberhand über die Darstellung, mit der Wirkung, dass die splatterhafte Grausamkeit der Beschreibungen aufgesetzt und ausgedacht wirkt. Das ist eine erstaunliche Schwäche des Romans angesichts des realen Kontextes – eines Schützengrabenhorrors, in dem doch fast jede Bestialität plausibel erscheint.

Der zweite Teil spielt in Senegal und rekapituliert Ereignisse aus der Jugendzeit von Alfa und Mademba. Ihre „Seelenbruderschaft“ entwickelt sich aus der gegenseitigen Faszination zweier stereotyp entgegengesetzter Charaktere.

Mademba ist ein Kopfmensch mit ungeschicktem mageren Körper, Alfa eine sportliche Kraftnatur. Es werden erste sexuelle Erfahrungen mit Frauen geschildert, und auch dabei bekommt man es mit einem gewissen Innereien-Tick zu tun, so dass sich nachträglich der Eindruck aufdrängt, bei dem Aufschlitzen der Leiber und dem Herausnehmen des Gedärms in den Kriegsszenen sei ebenfalls eine abartige sexuelle Note im Spiel.

Diops Sprache bemüht sich um einen rhythmisierten, litaneihaften, poetisch-archaisierenden Duktus. Eine Weile hat das durchaus Kraft, aber man könnte einwenden, dass dieser Stil klischeehaft afrikanisiere. Und wenn man zum hundertsten Mal die Floskel „bei der Wahrheit Gottes“ lesen muss – der Autor flicht sie in jedem dritten Satz ein –, wird es geradezu nervtötend. Kurz: Dieser Roman verhebt sich an einem gewichtigen Thema. In Frankreich wurde er gleich mit mehreren bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet.

David Diop: „Nachts ist unser Blut schwarz“. Roman. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 160 S., geb., 18,– .

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