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PEN-Tagung in Gotha : Rücktritt des gesamten PEN-Präsidiums

Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger, Notvorstand des PEN. Bild: dpa

Der gesamte Vorstand des Schriftstellerverbands ist am Samstagmorgen bei seiner Tagung in Gotha zurückgetreten. Als Notstandsvorsitzender wurde der Autor Josef Haslinger ernannt. Der Streit aber dauert an.

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          Nach dem Rückzug von Deniz Yücel ist am Samstagmorgen das gesamte Präsidium des deutschen PEN Clubs zurückgetreten. „Mein ganz besonderer Dank gilt Deniz Yücel“, sagte Ralf Nestermeyer, Vize-Präsiedent des PEN, vor den versammelten Mitgliedern. „Es war mir eine Ehre, mit ihm zusammengearbeitet zu haben.“ Die Schriftstellerin Ursula Krechel kündigte an, ihre Ehrenpräsidentschaft ruhen zu lassen. Sie wisse im Moment wirklich nicht, was sie repräsentieren solle und was das mit „Ehre“ zu tun habe, so Krechel. Daraufhin erklärten auch die erbitterten Gegner von Yücel, der Generalsekretär Heinrich Peuckmann und die Vize-Präsidentin Astrid Vehstedt ihren Rücktritt. Als Interimspräsident wählte der Verband mit einer großen Mehrheit den Schriftsteller Josef Haslinger. Er wolle einen „Neustart“ vorbereiten, sagte Haslinger und nahm die Wahl an.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Tagesordnungspunkt „Aussprache“ war auf den Samstagvormittag verlegt worden, nachdem die Mitglieder des Schriftstellerverbands sich am Freitag in einer tumultartigen zehnstündigen Sitzung in toxischer Atmosphäre des Mobbings, der Verleumdung und der Unaufrichtigkeit beschuldigt hatten. Es hatten sowohl ein Antrag zur Bestätigung Deniz Yücels und zweier anderer Vorstandsmitglieder im Amt vorgelegen als auch einer zu seiner Abberufung.

          Der Schriftsteller Daniel Kehlmann zeigte sich entsetzt über die Diskussion, die von Hass geprägt gewesen sei. Es gebe „gottlob noch andere Organisationen, mit denen man verfolgten Schriftstellern helfen“ könne, sagte er am Samstagmorgen. Auch Julia Franck erklärte, dass sie sich überlegen würde, den deutschen Schriftstellerverband zu verlassen und in den Exil-Pen zu wechseln.

          Der Streit im deutschen PEN hat verschiedene Dimensionen: Er entzündete sich zum einen an öffentlichen Äußerungen Yücels wie seiner Forderung einer Flugverbotszone über der Ukraine, die fünf seiner Amtsvorgänger als unvereinbar mit der PEN-Charta sahen. Aber es ging in Gotha vor allem um interne, dann öffentlich gemachte Vorgänge, um Rechenschaftsberichte und Aufgaben sowie um die Frage, ob der Verband sein Engagement eher auf das Politische oder auf das Literarische ausrichten solle. Yücel selbst bescheinigte sich eine große Steigerung der Aufmerksamkeit für den PEN, was wiederum höhnisch kommentiert wurde.

          „Wir mussten heute feststellen, dass unsere Versuche, den deutschen PEN zu einer modernen NGO zu machen und ihm in zeitgemäßer Form seiner alten Relevanz als Intellektuellenvereinigung zurückzugeben, von einer Mehrheit nicht gewollt sind“, hatte Yücel am Freitagabend auf Twitter kommentiert. „Der PEN von heute hat nichts mit der Ahnengalerie zu tun und nur wenig mit der namhaften Mitgliederliste. Er wird dominiert von Spießern und Wichtigtuern Ü70, die ihre Mitgliedschaft als Ausweis der eigenen Zugehörigkeit zur publizistischen oder literarischen Elite brauchen.“

          Deniz Yücel hatte am Freitag den Abwahlantrag gegen ihn mit knapper Mehrheit überstanden – war im Anschluss aber dennoch zurückgetreten. Der 1973 in Flörsheim am Main geborene Journalist, der etwa ein Jahr lang wegen angeblicher Terrorpropaganda in türkischer Untersuchungshaft saß, war erst im Oktober 2021 in der Frankfurter Paulskirche gewählt worden – und erklärte in Gotha, als die Auseinandersetzungen auch nach der Abstimmung nicht aufhörten, seinen Rücktritt: „Ich möchte nicht Präsident dieser Bratwurstbude sein“, schrie Yücel ins Mikrofon. „Ich trete zurück!“

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