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Daniel Kehlmanns neues Buch: „Lob“ : Ein Ave Maria für Stephen King

Eine Mischung aus Thomas Mann und Susan Sontag? Daniel Kehlmann am Rednerpult Bild: ©Helmut Fricke

In seinem neuen Buch „Lob“ gibt er vor, als Schriftsteller der bessere Kritiker zu sein und gefällt sich in der Rolle des überlegenen Gelehrten. Aber wie gut ist Daniel Kehlmann als Kritiker? Und als Kritiker der Kritiker?

          5 Min.

          In der sehr sehenswerten Dokumentarfilmserie „Durch die Nacht mit . . .“, in der jeweils zwei Prominente einen Abend miteinander verbringen und im Auftrag des Senders Arte von zwei Kamerateams begleitet werden, trafen im vergangenen Jahr in Wien der Schriftsteller Daniel Kehlmann und der Kabarettist, Schauspieler und Autor Josef Hader aufeinander.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie tranken am Bahnhofskiosk Espresso und unterhielten sich über Hunde, sie setzten sich in eine Gondel des Prater-Riesenrads, besuchten das leere Theater in der Josefstadt. Und sie kauften in einer Buchhandlung dem jeweils anderen ein Buch: „Das hier ist ganz phantastisch, kennen Sie das?“, fragte Kehlmann Hader, zog Philip Roth' Roman „Exit Ghost“ aus dem Regal, drehte es um, begutachtete den Klappentext und entschuldigte sich sofort: „Dass ich da jetzt draufstehe, wusste ich nicht. Ich wusste es wirklich nicht! Ich habe das gelobt. Das Buch hat allenthalben schlechte Kritiken bekommen, weil das einfach mal wieder an der Zeit war. Vorher hatte Roth gute Kritiken, jetzt war wieder eine schlechte fällig. Gerade bei Roth kann man das gut verfolgen: Welche Bücher gut und welche schlecht besprochen werden, hat mit der Qualität der Bücher eigentlich gar nichts zu tun.“ - „Das ist also reine Saisonsache?“, fragte Hader. - „Ja. Das ist deprimierend, aber es ist so.“

          Literaturkritiker, die böse Großmutter des Kasperltheaters

          Den Kabarettisten schien das nicht wirklich zu beeindrucken, so wie er sich auch auf Kehlmanns Klagen über die Kritik der eigenen Werke nicht einlassen wollte. Er wolle ja nicht wehleidig klingen, sagte Kehlmann, er frage sich aber schon, was man sich von der Literaturkritik eigentlich bieten lassen müsse über die Jahre, ohne dass man irgendeine Form des Einspruchsrechts habe. „Naaaa“, meinte Hader da nur. Die Kritiker seien Teil des Kasperltheaters. Sie seien das Krokodil oder die böse Großmutter, keine Instanz, der er zubillige, Urteile zu fällen.

          Kehlmanns in „Lob” versammelte Kritiken sind lesenswert - angreifbar sind sie trotzdem

          Daniel Kehlmann schreibt nicht nur Romane und Erzählungen. Er schreibt seit Jahren auch Essays und Literaturkritiken - und das nicht nur über Philip Roth. Gerade ist im Rowohlt-Verlag ein neuer Band erschienen, „Lob - Über Literatur“, welcher, neben Kehlmanns Poetikvorlesung in Göttingen, den Dankesreden zum Thomas-Mann-Preis und zum Kleist-Preis und seiner umstrittenen Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele im vergangenen Jahr, zahlreiche Texte versammelt, die der Autor für die großen Tageszeitungen, darunter auch die Frankfurter Allgemeine, über die Werke seiner Schriftstellerkollegen geschrieben hat. Es ist nicht das erste Kehlmann-Buch dieser Art: „Lob“ ist gewissermaßen der Nachfolgeband zu „Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher“, der vor fünf Jahren, kurz nach der „Vermessung der Welt“, erschien; darin ging es um Voltaire, Stendhal, Sacher-Masoch, Hamsun, Tolkien, Céline, Updike und auch Helmut Krausser. Jetzt sind Thomas Bernhard, Truman Capote, Coetzee, Stephen King, Beckett und Roberto Bolaño dran. Und Kehlmann lobt nicht nur. Er kritisiert auch, fällt sein Urteil, was interessant ist und gut und sehr oft begründet - was angesichts der Kritik an der Literaturkritik, die auch in diesem Buch immer wieder auftaucht, aber eine Frage aufwirft: Ist Daniel Kehlmann, dessen Zitate als sogenannte „Blurbs“ zu Werbezwecken auf dem Rücken der von ihm besprochenen Bücher wieder auftauchen, mit seinen Kritiken nicht auch Teil dessen, was Josef Hader als „Kasperltheater“ abtut? Ist der Schriftsteller als Kritiker eine andere Instanz als jene Literaturkritik, gegen die Kehlmann manchmal gerne Einspruch erheben würde und die für Hader gar keine Instanz ist? Oder suggeriert Daniel Kehlmann, als Schriftsteller der bessere Kritiker zu sein?

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