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Daniel Kehlmanns neues Buch: „Lob“ : Ein Ave Maria für Stephen King

Es gibt nun Leser, die den jungen Autor für seine selbstgewählte Gelehrtenrolle lieben, anderen ist sie entschieden zu unzeitgemäß. Was „Lob“ betrifft, ist dies zunächst aber gar nicht der Punkt. Merkwürdig ist vielmehr die Mischung aus hohem Ton des Lobs und Tadels und der gleichzeitigen grundsätzlichen und umfassenden Kritik an der Kritik. Da wird es dann larmoyant: Literaturkritiker sind für Daniel Kehlmann „angebliche Profis“, „hauptberufliche Beurteiler“ und „deutsche Kunstverständige“, die den „hoffnungsvollen Schöpfer von zwei Kurzgeschichten und drei Gedichten vor ein Mikrofon zerren“ und ihn „in die Rolle des selbstbewussten Auskunftgebers drängen“. Da muss man schon mal sagen, dass selbst die angeblichen Profis niemanden drängen können, der nicht gedrängt werden will; und dass Daniel Kehlmann selbst zu den Autoren gehört, die bereitwillig Interviews geben.

Attitüde des „überlegenen Überblickers“

Darüber hinaus stellt sich die Frage, was den nebenberuflichen vom und hauptberuflichen „Beurteiler“ grundsätzlich unterscheidet? Sind die einen qualifizierter als die anderen? Sprechen sie verschiedene Sprachen? Kehlmanns in „Lob“ versammelte Kritiken über Stephen King, J. M. Coetzee oder über das Regietheater sind lesenswert. Angreifbar sind sie trotzdem. Stephen King vorzuwerfen, dass ihm Schuberts „Ave Maria“ nichts anderes als „fades Zeug“ ist, wodurch seine Welt „platt, kulissenhaft und öde“ werde, ist dünkelhaft und absurd; und das Regietheater pauschal zu verurteilen, ohne einen Namen oder eine einzige Inszenierung zu nennen, selbst ein bisschen platt, kulissenhaft und öde.

Daniel Kehlmann, das legt die „Lob“-Lektüre nahe, begibt sich als Schriftsteller so schwungvoll in die Rolle des Gelehrten, dass er daraus eine Überlegenheit ableitet. Das ist nicht unbedingt angenehm und manchmal anmaßend. Wenn er Josef Hader gegenüber betont, Philip Roth' „Exit Ghost“ gegen die „saisonbedingte“ Kritik gelobt zu haben, klingt es so, als habe er den großen Roth vor der Kritik in Schutz nehmen müssen. Das muss er aber nicht. Viele Kritiker mochten „Exit Ghost“. Vielleicht muss sich Daniel Kehlmann aber mal fragen, ob seine „Überblicker“-Rolle oft nicht einfach nur Attitüde ist.

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