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Kehlmann und der Algorithmus : Ich & Maschinski

  • -Aktualisiert am

Hat das Programm Gefühle? Joaquin Phoenix in Spike Jonzes Film „Her“ (2013) Bild: Allstar/Warner Bros.

Können Algorithmen besser dichten als Daniel Kehlmann? Der Bestsellerautor von Romanen wie „Die Vermessung der Welt“ oder „Ich und Kaminski“ hat das selbst getestet im Silicon Valley. Sein Flirt endet mit einem Programmabsturz.

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          Algorithmen können fast alles. Sie können uns Musik empfehlen, die wir nicht mögen, die Heizung ausschalten, wenn sie eigentlich an sein sollte. Sie können Fußball-Spielberichte schreiben, womöglich auch andere Zeitungstexte – und vielleicht sogar bessere erzählende Sätze als Daniel Kehlmann. Zumindest auf Englisch, wie sich nun erwiesen hat.

          Das ist freilich nur ein subjektiver menschlicher Eindruck. Man kann es auch umgekehrt sehen. Der Bestsellerautor von Romanen wie „Ich und Kaminski“ und „Die Vermessung der Welt“ jedenfalls hat nun bei einem Experiment im Silicon Valley versucht, im Wechsel mit dem Textprogramm „CTRL“ eine Kurzgeschichte zu verfassen.

          Dichtet also Kehlmann: „It was a beautiful day in summer“, kontert das Programm: „The sun shone brightly on the green grass and flowers of the garden, but there were no birds or insects to sing.“ Fragt Kehlmann: „Why do you live in my apartment, who are you?“, formuliert das Programm nicht etwa eine Antwort, sondern führt den Satz fort: „Who are you sleeping with? Why did you move in?“

          Künstliche Intelligenz ist nur ein Zweitverwerter: Das hat Daniel Kehlmann erkannt.
          Künstliche Intelligenz ist nur ein Zweitverwerter: Das hat Daniel Kehlmann erkannt. : Bild: Picture-Alliance

          Der Autor ist zunächst beeindruckt von der Fähigkeit der Maschine, unheimliche, an David Lynch erinnernde Sätze hervorzubringen – hat aber letztlich das Gefühl, in dieser sei „keiner zu Hause“. Er habe keine Gefühle zu ihr aufgebaut. Das ist für manche bestimmt beruhigend, andere hingegen werden sagen: Alles nur eine Frage der Zeit, bis es so abläuft wie in Spike Jonzes Spielfilm „Her“, in dem sich Joaquin Phoenix in ein Computerprogramm verliebt und glaubt, er sei für „sie“ der Einzige, bis sich herausstellt, dass das auch Tausende andere glauben.

          Also auch nur eine Frage der Zeit, bis Maschinen ordentlich dichten und erzählen? In seiner „Stuttgarter Zukunftsrede“, in der Kehlmann nun die Begegnung mit „CTRL“ verarbeitet hat, macht er sich Gedanken über die Zukunft einer Maschinenliteratur. Und mahnt, künstliche Intelligenz sei nur ein Zweitverwerter. Er fürchtet, Maschinen würden bald schon Shakespeare nicht mehr verwerten. Das kann man freilich auch heute schon über viele Menschen sagen. Dann die Ladehemmungen der Software: „Wenn ‚Control‘ einmal entgleist ist, ist es vorbei und man muss eine neue Geschichte beginnen.“ Hier behelfen sich menschliche Schriftsteller traditionell, indem sie einfach trotzdem weiterschreiben.

          Und möglich ist ja immer noch, aus einer gescheiterten Erzählung den Bericht über eine gescheiterte Erzählung zu machen: Das nennen manche Menschen sogar „Roman“. Kehlmanns Vortrag, der noch bis kommenden Dienstag auf der Website des Stuttgarter Literaturhauses zu sehen ist, erscheint im März unter dem Titel „Mein Algorithmus und ich“ bei Klett-Cotta.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

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