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Daniel Kehlmann : Er lernte von Kleist und ich von ihm

  • -Aktualisiert am

E. L. Doctorow im Studio der Sendung „Bookworm” Bild: ASSOCIATED PRESS

Ohne das Vorbild dieses Schriftstellers hätte ich meinen Roman „Die Vermessung der Welt“ nicht schreiben können. Ein sehr persönlicher Dank an E. L. Doctorow zur Verleihung des Piscator-Preises in New York.

          Als ich gebeten wurde, hier zu sprechen, war die Rede von einer „Stimme aus Europa“. Diese Stimme, also ich, hatte allerdings auch einen sehr persönlichen Grund, die Einladung sofort anzunehmen, eine künstlerische Privatsache sozusagen, die für den Preisträger nur geringe, für mich aber allergrößte Bedeutung hat. Es gibt nämlich keinen Schriftsteller, von dem ich mehr gelernt hätte, als der Autor von „Billy Bathgate“ und „Ragtime“. Diese Nachricht wird ihm selbst allenfalls ein höfliches Lächeln entlocken, aber es gehört nun einmal zu den Zumutungen solcher Würdigungen, dass man sich den offensiven Bekundungen der Dankbarkeit derer, die von einem profitiert haben, nicht entziehen kann; da muss man dann eben durch, da gibt es keinen Ausweg.

          Mein erster Doctorow-Roman war „Billy Bathgate“, und durch ihn begriff ich zum ersten Mal - ich war sechzehn Jahre alt -, was das eigentlich ist: die Stimme eines Romans. Sie ist nicht identisch mit dem Stil, eher ist sie die Illusion einer Person, identisch weder mit dem Erzähler noch mit dem Autor, doch mit beiden eng verwandt. Billy Bathgates erster Satz, der Anfang eines Buch voll langer Sätze, ist zu umfangreich, um ihn hier zu zitieren, nehmen wir also den Beginn von „Homer und Langley“: „Ich bin Homer, der blinde Bruder.“ Ein Anfang, so wirksam eben darum, weil wir nicht nur die Figur hören. Wir lernen in ihm Homer Collyer als sachlichen, eher kurz angebundenen Stilisten kennen, zugleich aber wird in dunkler Resonanz auf den blinden Urvater des Epos angespielt, an den der Erzähler Homer Collyer selbst gar nicht denkt. Es ist eben nicht der blinde Collyer-Bruder, es ist aber auch nicht bloß Doctorow, es ist die Stimme des Romans. Man kann die Charaktere eines Buches uninteressant finden und doch dessen Stimme lieben, ebenso wie man gepackt sein kann von Geschichte und Figuren, ohne doch Gefallen an der Stimme zu finden, und wenn das geschieht, hat der Autor versagt.

          Ein grandios-absurdes Projekt

          Wer diesen geheimnisvollsten Aspekt der Kunst des Romans erforschen will, kann kein besseres Studienobjekt finden als die Bücher E. L. Doctorows, deren jedes, bei allem Zusammenhang der Themen und Motive, von einem neuen Schriftsteller verfasst scheint. Der Billy-Bathgate-Ton, im Pendelschlag seiner langen, langen Sätze, ist ganz anders als der Ton des unverlässlichen, weil persönlich zutiefst beteiligten Erzählers Daniel Isaacson in „Das Buch Daniel“, des mit seiner Angst kämpfenden Sheriffs von „Welcome to Hard Times“ oder des sonderbar allwissenden Historikers von „Ragtime“. Gute Literatur entsteht aus Sparsamkeit der Mittel, große aber aus der Verschwendung. Sie erweckt den Anschein, als wäre alles leicht und der Phantasie wären keine Grenzen gesetzt.

          „Ragtime“ also. Der vielleicht merkwürdigste aller historischen Romane, ohne dessen Vorbild ich - aber das nur ganz nebenbei - niemals meinen Roman „Die Vermessung der Welt“ hätte schreiben können. „Ragtime“: ein Spiel mit amerikanischer Geschichte, erzählt mit den formalen Mitteln deutscher Romantik. Das ist nun keine Wunschphantasie eines deutschen Lesers. Doctorow hat selbst, unter anderem durch den Namen seines Helden Michael Coalhouse Walker, darauf hingewiesen, wie viel sein Roman dem Stil Heinrich von Kleists und dessen Novelle „Michael Kohlhaas“ verdankt. Eine Konjunktion, umso bemerkenswerter, als Kleist in der deutschen Literatur fast folgenlos blieb - wohl kein Klassiker wurde so viel bewundert und so wenig nachgeahmt, und es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass der einzige Schüler, den der ehemalige Kindersoldat, heitere Selbstmörder und vielleicht größte deutsche Erzähler des neunzehnten Jahrhunderts hatte, ein amerikanischer Romanautor unserer Zeit ist. Kleist war ein wilder Erfinder, der sich nach der Strenge von Gesetz und Sachlichkeit sehnte, er wollte seinen Erzählungen, die voll sind von Gewalt und Verwirrung, den Ton der allerstrengsten Berichte geben. Aus ebendieser Spannung lebt auch das unzuverlässige Geschichtswerk „Ragtime“, bei dessen Lektüre wir uns ständig fragen, was nun eigentlich wahr ist und was erfunden, bis wir endlich die Frage aufgeben und dem Buch alles und nichts mehr glauben.

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