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Daniel Kehlmann : Er lernte von Kleist und ich von ihm

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Dem Verhältnis von historischer Wahrheit und Allgemeingültigkeit forscht Doctorow auch in seinem bisher letzten Roman nach, und zwar in Form des grandios absurden Projekts von Langley Collyers ewiger Zeitung. „Letztendlich wollte er das gesamte Leben Amerikas in einer Ausgabe festhalten - er nannte sie Collyers immerwährend aktuelle zeitlose Zeitung, die einzige Zeitung, die man je brauchen würde. Für fünf Cent, sagte Langley, bekommt der Leser ein gedrucktes Porträt unseres Lebens hier auf Erden. Die Artikel werden keine allzu genauen Einzelheiten enthalten, wie man sie in gewöhnlichen Gazetten findet, weil die eigentliche Nachricht hier von den universellen Erscheinungen handelt, für die jedes spezielle Detail nur ein Beispiel wäre. Der Leser ist immer auf dem Laufenden und auf dem neuesten Stand des Geschehens. Er kann sicher sein, dass er die unbestreitbaren Wahrheiten des Tages liest, die seines eigenen bevorstehenden Todes eingeschlossen, der getreulich als Zahl in dem freien Kasten auf der letzten Seite mit dem Titel ,Nachrufe' registriert wird.“

Er hat sein Zeitgefühl verloren

Natürlich ist Collyers immerwährend aktuelle zeitlose Zeitung eine unerfüllbare metaphysische Phantasie. In ihr verwirklicht sich aber manches, wovon ein Autor historischer Fiktionen träumen mag - das Ineinsfallen von Bericht und Prognose, von Reportage und Allgemeingültigkeit, von Unterhaltung des Lesers und existentieller Dringlichkeit. Doch Langley ist auf dem falschen Weg. Während Collyers Zeitung auf die „allzu genauen Einzelheiten“ verzichten möchte und sich ihr Schöpfer gerade deswegen im ungeheuren Chaos der Details verliert und sein Haus zu einer Müllhalde alter Druckwerke wird, verlegt der historische Roman sich auf die Wiedergabe ebendieser „allzu genauen Einzelheiten“. Wenn wir in „Der Marsch“ miterleben, wie eine Knochenamputation im letzten Jahr des Bürgerkriegs vor sich ging, so wird uns eben dadurch unsere eigene Medizin zu etwas Sonderbarem.

Je genauer wir das Ephemere der Vergangenheit sehen, desto klarer sehen wir wieder die Dinge und Gebräuche um uns, an die wir uns schon so sehr gewöhnt hatten, dass sie uns selbstverständlich schienen in ihrer zerbrechlichen Zufälligkeit. „Es ist immer jetzt“, sagt der am Gehirn verletzte Soldat Albion Simms in „Der Marsch“ - und sogleich muss er darüber weinen. Er hat sein Zeitgefühl verloren, oder richtiger: Er hat seine Illusionen über die Zeit verloren und erlebt die zum ersten Mal so, wie sie ist, als stehenden Augenblick, in dem sich Wechsel ereignet, ohne dass wirklich etwas anders wird, außer eben, dass Menschen sterben und andere Menschen kommen, die ebenso und auf die gleiche Art leiden wie ihre Vorgänger.

Geschichtsschreiber der kleinen Leute

Der Gedanke, dass die Leben vergangener Generationen, ihre Schmerzen und ihre Erniedrigung uns so viel angehen wie die unserer Zeitgenossen, hat natürlich eine politische Seite. „Das Buch Daniel“ vibriert förmlich vor Zorn über einen der großen Justizmorde der amerikanischen Geschichte, während „Ragtime“ eine nicht geringere Empörung hinter der Kleistschen Kühle seiner Prosa verbirgt, und wohl kein weißer Romancier nicht nur in Doctorows Generation hat sich so bewusst dem ungeheuren Skandalon der Sklaverei gestellt. In Doctorows Werk treten viele historische Figuren auf, aber seine größte Zuneigung gilt den einfachen Leuten, die sich mit Schlauheit, Kraft und Zähigkeit gegen widrige Zeitläufte behaupten müssen. An sie erinnert sich naturgemäß kein Geschichtsschreiber. Auf sie wartet nur das Vergessen und vielleicht die Phantasie eines Romanciers, der ihnen den Dienst tun kann, sie zu erfinden.

Erwin Piscator war politischer Aktivist und Avantgardist zu einem Zeitpunkt, als diese Begriffe noch nicht zum Widerspruch erklärt worden waren, ein Innovator der Bühne von solchem Rang, dass bis heute kein Regisseur ihn an Radikalität übertroffen hat. Seine Arbeit war voll Zorn und zugleich kunstvoll spielerisch, er war ein Europäer, der nach Amerika kam und die Künstler dieses Kontinents prägte, unter anderem Marlon Brando, Lee Strasberg und Tennessee Williams. Es könnte für einen Preis in seinem Namen keinen würdigeren Träger geben als den politischen Avantgardisten E. L. Doctorow, den Historiker und Erfinder, der immer noch jeden Roman beginnt, als wäre es sein erster.

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