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Daniel Kehlmann : Der Ruhm und die Rüpel

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Daniel Kehlmann bei einer Lesung seines neuen Buchs „Ruhm” in Berlin Bild: ddp

Nach dem Erfolg seines Romans „Die Vermessung der Welt“ wird bei Daniel Kehlmanns neuem Buch „Ruhm“ nicht mehr sein Schreiben, sondern seine Reputation bewertet. Die Kritiker benehmen sich wie Jungs auf dem Schulhof, die dem Streber die Brille zertreten, findet Felicitas von Lovenberg.

          „Auf den ersten Blick scheint auch dieser Roman den Kritikern recht zu geben, die vor allem die intellektuelle Präzision, die subtile Eleganz und die Virtuosität dieses Autors schätzen und in diesen Eigenschaften auch seine Begrenzung sehen.“ Die einzelnen Geschichten? „Bruchstücke der Welt“ des Autors, der Roman selbst Ausdruck der unerfüllbaren „Sehnsucht, alle möglichen Romane in einem einzigen Buch vereinigt zu sehen“.

          Ein Autor von Rang, ein Buch, an dem sich die Geister scheiden - 1983, als Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ in Deutschland erschien, war keineswegs ausgemacht, was heute offensichtlich ist: dass es sich um Weltliteratur handelt. Aber die verblüffte Irritation über Werke, die ein Labyrinth entwerfen, aber selbst keinen Ausweg daraus finden wollen, hat sich mitnichten seither erledigt - wie ein Buch zeigt, das Calvinos Meisterwerk in vielerlei Hinsicht ähnelt.

          Sogar in den Tagesthemen präsent

          Vor einem Monat ist Daniel Kehlmanns „Ruhm“ erschienen, sein sechster Roman, Platz 3 der Bestsellerliste; dreihunderttausend verkaufte Exemplare (bisher). Kehlmann ist gerade auf Lesereise, gestern in München, heute in Frankfurt, morgen in Göttingen, anschließend in Bern, Zürich, Stuttgart. Dass der neue Roman sogar Thema der „Tagesthemen“ war, mag man übertrieben finden - in Großbritannien ist das bei Autoren der Liga McEwan, Amis oder Rushdie keineswegs ungewöhnlich.

          Die Schwierigkeit jedoch, die darin zu bestehen scheint, das Buch von der Person des Autors zu trennen, hatte Daniel Kehlmann bereits vor Erscheinen erahnt: „Es wird wohl einige Kritiken geben, die gar nichts mit dem Text zu tun haben, weil es nach einem Erfolg immer Leute gibt, die, wie John Updike so schön sagt, nicht das Buch, sondern die Reputation des Autors rezensieren wollen“. Damit war tatsächlich zu rechnen.

          Wäre es bei einigen solcher Kritiken geblieben, wäre die Sache nicht der Rede wert. Außer man wollte sich über die typisch deutschen Rubriken „Neid“ und „Missgunst“ mokieren. Doch im Fall von Kehlmanns „Ruhm“ häufen sich die entsprechenden Entgleisungen - als sei der Autor kein Autor, sondern eine Art dickfelliger, außerdem überbezahlter Politiker, ein, wie eine Zeitung schrieb, „junger Staatsmann, den die frühe Bürde des Amtes melancholisch gestimmt hat“.

          Germanisten-Stoff, Leserunterschätzung - was denn nun?

          Der Titel des Buches, dessen Ironie sich dem Leser schnell erschließt, wird zum Anlass, den vermeintlichen Ruhm des Autors gegen ihn zu wenden: Kehlmann, das „Wunderkind der deutschen Literatur“, dessen Erfolg ein Rätsel ist.

          Wunderkind? Etwa weil Kehlmann schon mit Anfang zwanzig seinen ersten Roman veröffentlichte? Das ist zwölf Jahre her, aber damals fand der Roman kaum Aufmerksamkeit. Dann behaupten gleich mehrere Zeitungen in pauschalen Vorbemerkungen, „Ruhm“ sei überwiegend kritisch aufgenommen worden. Statistisch gesehen, ist der neue Roman hingegen überwiegend positiv rezensiert worden - mit einem bemerkenswerten Anteil von Kritiken, die das Buch beschreiben, ohne ein Urteil abzugeben, und solchen, die nur urteilen, ihre Meinung aber nicht begründen.

          Elke Heidenreich, die mit „Lesen!“ 2005 nicht unerheblich zum Erfolg von Kehlmanns „Vermessung der Welt“ beigetragen hatte, ist im „Stern“ gewohnt deutlich: „Der kann was, der ist gescheit, der hat Phantasie, aber Genie? Weltmeister?“ Das Buch sei „reine Germanisten- und Kritikerprosa“, nichts für Normalleser.

          Wo sie Überforderung befürchtet, sieht die „taz“ eine Leserunterschätzung. „Es reizt einen schon, eine Zeitlang der Vermutung nachzugehen, hier wolle eine literarisches Wunderkind einfach mal ausprobieren, mit wie geringem Aufwand es nach einem Welterfolg bei der Kritik und den Lesern durchkommt.“

          Und die „Zeit“ hat die Messlatte gleich ins Unerreichbare verschoben: „Gewiss kein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Literatur.“

          Mit Erwartungen überfrachtet

          Dann die Buchvorstellung im Berliner Ensemble. Der „Frankfurter Rundschau“ fehlt - wir sind in Berlin, nicht in Hollywood - das „Schillernde und Glamouröse“. Im „Journal Frankfurt“ nutzt ein renommierter Kritiker die Nische, um ein gänzlich unliterarisches Kriterium zu rehabilitieren und dem Buch ausgerechnet seinen Umfang - 200 Seiten - vorzuwerfen: „In zwei, drei Stunden ist man fertig damit.“ Hinterhergeschickt wird eine Beleidigung für alle: Kehlmann begebe sich unter sein Niveau - nämlich auf das der Leser.

          Was ist da los? Dass ein Autor, der ein extrem erfolgreiches Buch schreibt, anschließend mit Erwartungen überfrachtet wird, ist nicht neu. In Patrick Süskinds Fall dürfte es dazu beigetragen haben, dass der Autor des „Parfums“ sich nicht fotografieren lässt, keine Interviews gibt und mittlerweile auch nicht mehr zu schreiben scheint.

          Bernhard Schlink mag sein Brotberuf, die Juristerei, gerettet haben. Erfolg macht einen Autor nicht sakrosankt - und darüber, ob ein Buch seinen eigenen Anspruch einlöst, lässt sich natürlich streiten.

          Kehlmann macht Kollegen unmodern wie Wandtelefone

          Aber hier werden ein Autor und ein Buch an einem Anspruch gemessen, den sie gerade nicht stellen: nämlich an einen Erfolg anzuknüpfen, den im Übrigen im sich stupend entwickelnden Erfolgsfall der „Vermessung der Welt“ niemand vorausgesehen hat. Und jetzt benimmt sich die deutsche Kritik wie die Jungs auf dem Schulhof, die dem guten Schüler - auch „Strebertum“ ist Kehlmann schon vorgeworfen worden - die Brille wegnehmen und drauftreten.

          Das fällt auch anderen auf. Soeben hat Lars Gustafsson im Stockholmer „Expressen“ eine Rezension von „Ruhm“ veröffentlicht, in der er bemerkt, dass sich die deutsche Kritik mit der Rezeption schwertue. Woran vor allem die Qualität des Romans schuld sei. „Göran Palm hat einmal darauf hingewiesen, dass Pferde in der schwedischen Poesie erschienen, lange nachdem sie in der Landwirtschaft durch Traktoren ersetzt worden waren. Ein ähnliches Gefühl bekommt man hier: Kehlmann macht eine ganze Reihe Kollegen unmodern wie Wandtelefone.“

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