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Dagestan : Nachrichten aus einem unbekannten Land

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Ein Fischer am Kaspischen Meer in Süd-Dagestan Bild: Andrea Bruce/Noor/laif

Seit anderthalb Jahrhunderten ist Dagestan ein Teil von Russland, im Guten wie im Bösen: Was meine Heimat im Kaukasus ausmacht und warum die Suche nach den Wurzeln allzu häufig einen überspannten Patriotismus zur Folge hat.

          Als mein erster künstlerischer Text, „Salam, Dalgat!“ (auf Deutsch im Suhrkamp-Sammelband „Das schönste Proletariat der Welt“ erschienen), über einen Tag im Leben eines jungen Dagestaners fertig wurde, lebte ich schon in Moskau und veröffentlichte Kritiken und Essays. Da ich meine beiden Rollen nicht vermischen wollte und eine unbefangene Bewertung wünschte, vor allem aber, weil ich das seltsame psychologische Bedürfnis hatte, meinen eigenen Ängsten, aber auch verbreiteten Meinungen wie: „Ein Kritiker ist ein gescheiterter Schriftsteller“ zu entwischen, unterschrieb ich das Manuskript mit einem männlichen Pseudonym. Der ausgedachte Name (das Wort lässt sich aus dem Awarischen als „Gewehrkugel“ übersetzen) wurde für mich sofort so authentisch, dass ich zeitweise wirklich glaubte, der Autor dieses Textes sei ein junger Dagestaner und nicht ich. Aber auch der Schreibstil, die Textoberfläche legten diesen Gedanken nahe.

          Das Manuskript landete bei dem in Russland bekannten Wettbewerb „Debüt“ für junge Schriftsteller. Alle hielten den Autor für männlich, erfahrene Redakteure, Kritiker, Experten, Juroren und Koordinatoren des Wettbewerbs. Die Erzählung „Salam, Dalgat!“ ist eine kinematographisch anmutende Verkettung von Begegnungsepisoden mit vielen Dialogen voller Ausdrücke aus dem lokalen Vokabular. Auf der Suche nach einem geheimnisvollen Verwandten wandert der Protagonist durch die bunte, absurde, ewig im Umbau begriffene Stadt Machatschkala, wobei er mal in die eine, mal in die andere charakteristische Situation gerät. Straßenjungen verfolgen ihn, man versucht, ihn zu „islamisieren“, zu verheiraten, zum nichttraditionellen Islam zu bekehren, ihn für ein überschwänglich romantisches Buch zu begeistern.

          Männer beim Gebet in seiner salafistischen Moschee in Khasavyurt.

          Die Erzählung stieß sofort auf allgemeines Interesse, sowohl in Moskau wie auch im Kaukasus. Alle wollten den Autor ausfindig machen. Ich schützte mich durch immer größere Mystifizierungen, eröffnete Mail-Adressen, verschickte falsche Fotos. Für den Wettbewerb um den Debüt-Preis werden jährlich zwischen vierzig- und siebzigtausend Manuskripte eingereicht. Für mich war es eine große Überraschung, auf die Longlist der besten hundert Texte zu geraten. Doch die Erzählung schaffte es sogar bis ins Finale.

          Nach der Pressekonferenz, auf der die Finalisten verkündet wurden, kamen viele auf mich zu, fragten, ob ich den Autor kenne, wir seien ja Landsleute, und jedes Mal musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich weiß noch, wie dagestanische Journalisten sich bei mir meldeten und ihre Hypothesen über den Autor der Novelle erörterten. Diverse Namen wurden genannt - alles Männer, die in Dagestan leben. Andere Varianten ernteten ironisches Gelächter. Schon entrüsteten dagestanische Schmäher sich über den Nestbeschmutzer.

          Als bei der Preisverleihung anstelle eines unbekannten dagestanischen Naturtalents ich auf die Tribüne trat, war die Reaktion heftig. Die Leute staunten, wollten es nicht glauben, obwohl einige schnell schalteten und erklärten: „Ich hatte es gleich gewusst“, oder: „Hab ich doch geahnt“. Manche waren enttäuscht, andere begeistert. Als eine dagestanische Zeitung Auszüge veröffentlichte, bekam die Redaktion SMS-Nachrichten wie: „Dieses Mannweib hat offensichtlich die ,Großprosa’ in den Saunen von Machatschkala gelernt“ (Sauna ist ein Euphemismus für Bordell).

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