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Cornelia Funkes „Spiegelwelt“ : Ein Netz aus Märchenstoffen

Ihre Märchenwesen erschafft Cornelia Funke mit Worten und mit dem Zeichenstift. Bild: Dressler Verlag

Cornelia Funke schreibt mit dem Band „Palast aus Glas“ ihre Buchreihe „Reckless“ fort. Sie leuchtet ihre eigene Romanwelt aus.

          3 Min.

          Dass Bücher nicht nur Schicksale, sondern auch eigene Biographien haben können, dass ein Text wachsen und sich dabei massiv verändern kann, lässt sich an einem Werk Cornelia Funkes beobachten, das sich vom Roman zum Projekt ausgewachsen hat. 2010 erschien „Reckless“, Untertitel „Steinernes Fleisch“, drei Jahre nach dem Abschluss der „Tintenwelt“-Trilogie Funkes. Ob es sich bei deren drittem Band „Tintentod“ wirklich um ein Finale gehandelt hat, mag man im Licht von Funkes folgenden Veröffentlichungen bezweifeln. Sie knüpfen zunehmend Verbindungen zum Thema, zu Motiven und Protagonisten jener Trilogie, fast so, als betreibe Funke die Integration der Geschichte um das beliebte Buch „Tintenherz“ in den Kosmos, der mit den „Reckless“-Bänden gerade entsteht.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Bruch mit der immanenten Poetologie dieser neuen Romanreihe wäre das nicht, schließlich lebt auch diese von der Anverwandlung von Märchenmotiven und -gestalten in eine Handlung, die in zwei Welten und einer überlappenden Sphäre angesiedelt ist. Die eine ist unsere Gegenwart und Ausgangspunkt für die wiederholten Reisen eines Protagonisten mit dem sprechenden Namen Jacob Reckless durch einen magischen Spiegel in die andere Sphäre, die zu Beginn eher an eine Art Europa im Zeitalter der Industriellen Revolution erinnert, geprägt von der Gegenwart einer Magie auch im Alltag.

          Der erste „Reckless“-Roman war durch die Verwendung überwiegend deutscher Märchenmotive geprägt (die freilich längst oder schon immer gewandert sind), im zweiten spielten französische eine Rolle, allen voran die Gestalt des Blaubart, im dritten ging es räumlich und märchenmotivisch Richtung Russland, und am Ende dieses Romans entführte ein fliegender Teppich wesentliche Protagonisten noch weiter in den Osten – ein Ende der Serie ist, trotz Ankündigungen Cornelia Funkes zur Anzahl der Bände und den dabei durchreisten Regionen, nicht abzusehen.

          Auf Schatzsuche in einem verwandelten Stockholm

          Für dieses Frühjahr ist die „vollständig überarbeitete Neufassung“ des ersten Bandes angekündigt, für den Herbst dann der vierte Band. Wie weit dieser Kosmos aber inzwischen von seiner Autorin gefasst wird, lässt der Band „Palast aus Glas“ erkennen, der eine Reihe von Geschichten aus dem „Reckless“-Umfeld enthält und Ende letzten Jahres erschienen ist.

          Zum einen enthält er Episoden um Jacob Reckless und seine Gefährtin, die Gestaltwandlerin „Fuchs“, der schon in den früheren Bänden das besondere Interesse der Autorin galt. Beschrieben wird etwa, wie sich das Mädchen Celeste zum ersten Mal in eine Füchsin verwandelt, wie sie Jahre später gemeinsam mit Jacob in einem verwandelten Stockholm auf Schatzsuche geht oder ein harmloses, romantisches Abenteuer des Paars im verwandelten Hamburg, das hier „Hammaburg“ heißt. Auch vom beschwerlichen Werdegang des Trophäenjägers Jacob und der Ausbildung durch seinen Meister ist die Rede.

          Zum anderen aber sind in dem Band Texte enthalten, die mit den in den „Reckless“-Bänden geschilderten Ereignissen nur sehr wenig zu tun haben, dafür umso mehr mit dem Geist, der diesen Kosmos durchzieht. Sie fragen nach Impulsen, die zwischen den Welten hin und her gehen und Anstoß geben zu Veränderungen. Am eindrucksvollsten gelingt das in einer Skizze, die davon erzählt, wie der junge Auguste Rodin zufällig in unserer Welt ein Paar jener Steinmenschen beobachtet, die sich aus der Spiegelwelt hierher verirrt haben müssen, und dabei den Impuls für die Gestaltung seiner Skulpturen empfängt. Und am beiläufigsten setzt Funke den Hinweis auf den Zusammenhang der Welten in der Erzählung „Die Geige des Strömkarlen“, die von einem magischen Instrument handelt, dessen Klang Kranke heilen soll – der Geigenbauer in dieser Geschichte heißt Asbjørnsen, nach einem der beiden Autoren der berühmtesten Märchensammlung Norwegens.

          So leuchtet Funke ihre Romanwelt aus, erweitert sie und liefert Hintergründe, die zwar keinen Folgeband ersetzen, aber doch Akzente setzen und damit Hinweise darauf geben, wie dieser Kosmos verstanden werden kann: als nichtlineares, in alle Richtungen wucherndes Konstrukt, zusammengehalten eher von einer Perspektive als von einem Plan. Alles kann daraus werden. Auch in dieser Hinsicht knüpft Funke an die Märchenwelt an.

          Cornelia Funke: „Palast aus Glas“. Eine Reise durch die Spiegelwelt. Mit Illustrationen der Autorin. Dressler Verlag, Hamburg 2019. 208 S., geb., 18,– . Ab 14 J.

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