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Wer schrieb Molières Werke? : Neue Rechnung in altem Streit

Michael Quast in Molierès „Menschenfeind“ beim Festival Barock am Main Bild: Maik Reuß

Die Klassiker wackeln: Nicht nur Shakespeare, auch Molière muss sich die Frage gefallen lassen, ob er seine Stücke selbst geschrieben hat. Jetzt stützen neue Zahlen eine alte Hoffnung.

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          Goethe hat mal wieder Glück gehabt. Bislang hat noch niemand angezweifelt, dass Goethes Werke wirklich Goethes Werke sind. Die Weimarer Sophien-Ausgabe? Einhundertdreiundvierzig Bände und alle brav von ihm selbst geschrieben. Bei Shakespeare sieht die Sache schon anders aus. Hat der überhaupt gelebt? Und was ist mit Molière, dem windigen Franzosen? Nur ein Jahr, nachdem der französische Literaturwissenschaftler Abel Lefranc Shakespeares Identität in Zweifel gezogen hatte („Unter der Maske Shakespeares“, 1918), zog der Schriftsteller Pierre Louÿs nach und stellte 1919 die These auf, Molières geniale Dramen stammten allesamt von seinem älteren Kollegen Corneille.

          Seitdem liegt auf Frankreichs größtem Nationaldichter ein kleiner böser Schatten, der nie wieder ganz vergehen wollte: „Molière ist ein Meisterwerk von Corneille“. Aus einem Register weiß man, welche Stücke Molières Truppe aufführte und dass Molière, der oft als Regisseur und Hauptdarsteller agierte, bis zu drei Aufführungen am Tag bestritt. Als Direktor seiner Truppe hatte er zahlreiche andere Pflichten und musste überdies König Ludwig XIV. bei Laune halten. Woher also hat der Vielbeschäftigte die Zeit genommen, die auch das Genie benötigt, um ein Meisterwerk zu Papier zu bringen? Die Anti-Molièristen haben noch weitere Trümpfe im Häretiker-Ärmel: Zum einen ist kein einziges Manuskript von Molières Hand überliefert, zum anderen sind gewisse Stilähnlichkeiten mit Stücken Corneilles kaum zu leugnen, außerdem war er wohl nicht gebildet genug. Aber so leicht lässt sich ein Genie nicht an die Indizienkette legen.

          Computerlinguisten greifen ein

          Wie Maulwürfe im heiligen Erdreich der französischen Dichtung hockten die Anti-Molièristen das trübe zwanzigste Jahrhundert über in ihren Gängen und Höhlen, ließen nur ab und an vorsichtig ihre frechen Schnauzen blicken und warteten geduldig auf die Morgenröte der digitalen Revolution. Und tatsächlich, seit dem Jahr 2001 rückt die Computerphilologie mit ihren quantitativen Verfahren Molière auf den Dramatikerpelz. Damals glaubten zwei Linguisten aus Grenoble mittels eines lexikometrischen Verfahrens Corneilles Urheberschaft bewiesen zu haben, indem sie die intertextuelle Distanz zwischen zweiunddreißig Stücken von Molière und vierunddreißig Stücken von Corneille bestimmten. Sie lag genau bei 0,234.

          Wir Wortklauber wissen, was diese Zahl bedeutet! Jetzt haben Molières Anhänger zurückgeschlagen. Wie die Fachzeitschrift „Science“ berichtet, glauben zwei Linguisten aus Paris mittels eines feinsinnig erweiterten lexikometrischen Verfahrens Molières Urheberschaft an seinen Stücken bewiesen zu haben. Genaue Zahlen liegen uns leider noch nicht vor. Aber sehr wahrscheinlich sind sie erdrückend. Maulwürfe, zurück in eure Höhlen!

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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