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Comic : Gewissen seiner Nation

Tardi vor einem Tardi: Es geht ihm um die Erlebnisse der einfachen Soldaten. Bild: Katalog

Die Kriege des Zwanzigsten Jahrhunderts sind sein Lebensthema, und den Opfern widmet er sein Schaffen: Der französische Comiczeichner Jacques Tardi wird siebzig Jahre alt.

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          In einer der jüngsten Ausstellungen zu seinem Werk wurde eine zutreffende Bezeichnung für Jacques Tardi geprägt: Sein Schaffen sei nicht nur ein Monument des Comics, sondern auch ein Totengedenken – wobei der Text mit der Bedeutung des französischen Wortes „monument“ spielte. Tardi würde dem Letzteren wohl eher zustimmen als dem Ersteren: Obwohl er seit dem Tod von Moebius vor fünf Jahren der einzige unumstrittene Großmeister des französischen Comics ist, hält er sich von Veranstaltungen zu seinen Ehren weiterhin meist fern. Die Aufnahme in die französische Ehrenlegion lehnte er sogar ausdrücklich ab.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn schon der Gedanke, in eine begrifflich dem Kriegshandwerk entlehnte Vereinigung aufgenommen zu werden, ist ihm ein Greuel; für den deutschen Orden Pour le Mérite wäre er genauso wenig zu gewinnen. Dabei ist er sehr tapfer: Gegen alle Zeitströmungen bleibt Tardi seinen politischen Überzeugungen treu, die ihr Ideal im Modell der Pariser Kommune von 1871 finden. Mit deren gewaltsamer Niederschlagung beginnt in seinen Augen das blutige Gemetzel der Moderne: ein sehr langes, noch heute unabgeschlossenes zwanzigstes Jahrhundert, so wie Eric Hobsbawm das „lange neunzehnte“ von 1789 bis 1914 reichen ließ. Die Opfer sind es, denen Tardi sich verpflichtet fühlt.

          Das Schwarze Loch, das alles an sich bindet

          Deshalb geht nur einer seiner Comics vor 1871 zurück, der frühe, 1977 veröffentlichte „Polonius“, ein Antiken-Comic mit allerdings schon durchaus typisch Tardischen Themen wie Gewalt und Massenmanipulation. Damals hatte er aber auch schon die drei ersten Bände seiner Serie „Adèle Blanc-Sec“ publiziert, die ihn schon mit Anfang dreißig zur Legende machen sollte. Angesiedelt unmittelbar vor und nach dem Ersten Weltkrieg, erzählt der bis heute auf neun Teile angewachsene Zyklus im Stil eines Feuilletonromans des Fin de Siècle von den Abenteuern einer emanzipierten Detektivin, die mit den schauerlichsten Bedrohungen konfrontiert wird. Die schlimmste davon jedoch ist die Erbschaft des Weltkriegs, den Adèle eingefroren überstanden hat, weshalb er nur durch seine Vorboten und Folgen in der Serie präsent ist. Er ist das Schwarze Loch, das alles an sich bindet – nicht nur in der Comicreihe, sondern in Tardis gesamtem Schaffen.

          Scham: Panzerfahrer René Tardi geriet gleich zu Beginn des Krieges in Gefangenschaft... Bilderstrecke

          Sein korsischer Großvater, der vor dem Fronteinsatz nie einen Fuß auf den Kontinent gesetzt hatte und nach dem Krieg nie über seine Erlebnisse sprach, provozierten den 1946 geborenen Tardi als Kind zu seiner Neugier, die dann von der Großmutter gestillt wurde. Als Zeichner vertiefte er sich immer mehr in die Jahre 1914 bis 1919 (der Waffenstillstand bis zum Friedensschluss von Versailles gehört für Tardi unabdingbar mit zum Krieg) und widmete den Erlebnissen simpler Soldaten auf beiden Seiten der Front gleich zwei große Comics: den in kleine Episoden unterteilten Band „Grabenkrieg“, erschienen 1993, und „Elender Krieg“ von 2008/09.

          Er wurde zum historischen Gewissen seiner Nation

          Danach schien Tardi endlich abgeschlossen zu haben mit seinem Lebensthema; doch nun wandte er sich den schriftlich hinterlassenen Erinnerungen seines verstorbenen Vaters René zu, der den Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener in Deutschland überlebt und auch nie mit seinem Sohn darüber gesprochen hatte. Hier kam eine unmittelbar persönliche Komponente mit ins Spiel, weil René Tardi zwar als Antimilitarist aus dem Krieg zurückgekehrt war, dann aber doch wieder in die Armee eintrat, gezwungen-freiwillig, weil er seine junge Familie zu ernähren hatte. Jacques Tardi verbrachte deshalb seine ersten Lebensjahre im französisch besetzten Teil Deutschlands und der jungen Bundesrepublik, in der sein Vater stationiert blieb. Weil er sich mitverantwortlich dafür fühlt, dass der Vater den ungeliebten Soldatenberuf ergriffen hatte, tritt er in dem bislang zweibändigen, aber als Trilogie angelegten Comic „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener“ selbst auf: als kleiner Junge, der mit seinem Vater über dessen Erlebnisse in Krieg und Nachkrieg ins Gespräch kommt, manchmal auch ins Gericht geht.

          Das passt: Jacques Tardi ist längst zum historischen Gewissen seiner Nation geworden, mehr als jeder andere Autor. Er hat Wandbilder für französische Weltkriegsmuseen geschaffen und zahllose Dokumentationen über Kriegserfahrungen der unterschiedlichsten Art illustriert – bis hin zum Booklet für Antikriegschansons, die seine Frau, die Sängerin Dominique Granger, eingespielt hat: auf einer Platte, bei der Tardi zwischen den Liedern als Erzähler einer Soldatengeschichte zuhören ist, über einen jener Unglücklichen, die jahrelang fürs Vaterland gekämpft haben, daran verzweifelt sind und dann als Deserteure erschossen werden. Für diese Menschen, tragische Helden des Widerstands wie die Kommunarden von 1871, schlägt Jacques Tardis Herz. Ihnen zeichnet er das Totengedenken. Er wird es weiterhin tun, auch nach seinem heutigen siebzigsten Geburtstag.

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