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Clive Barker wird 70 : Horror, wo ist dein Schrecken?

Ja, ist denn heut’ schon Halloween? Clive Barker mit Personal, 1992 Bild: Getty

Mehr als ein Lob von Stephen King kann ein Autor und Regisseur nicht erreichen: der britische Schriftsteller Clive Barker wird heute siebzig Jahre alt.

          3 Min.

          Erwartungen zu erfüllen ist nicht leicht, sie zu übertreffen noch schwieriger. Dem Briten Clive Barker gelang das mühelos. Als er Mitte der achtziger Jahre seine Sammlung von Horrorkurzgeschichten unter dem Titel „Bücher des Blutes“ in Amerika veröffentlichte, schrieb ihm Stephen King auf den Klappentext: „Ich habe die Zukunft des Horrors gesehen, ihr Name ist Clive Barker.“

          Maria Wiesner
          Koordinatorin „Stil“.

          Der junge Brite, in Liverpool geboren und nach einem Philosophie- und Literaturstudium als Theaterautor am Rande des Existenzminimums lebend, ruhte sich keineswegs auf dem Lob aus; er nahm es vielmehr als Prophezeiung, die es zu erfüllen galt. 1986 entwickelte er aus einer seiner Kurzgeschichten den Kinofilm „Hellraiser“, bei dessen Inszenierung er auch Regie führte.

          Die Handlung war simpel: Ein Abenteurer kauft auf einem orientalischen Basar einen mystischen Würfel. Dessen goldene Ornamente geben, in die richtige Kombination gedreht, das Tor zu einer anderen Dimension frei. In ihr herrschen die Cenobiten, blasse Gestalten in Lederklamotten mit Nieten und Nägeln in Wangen und Köpfen, die je nach Standpunkt als Engel oder Dämonen gesehen werden konnten.

          Der nagelgespickte Hauptdämon reißt ihn in Stücke

          Barker erzählt eine Geschichte von Schmerz und Lust, deren Figuren nicht eindeutig gut oder böse sind, denn selbst wenn der nagelgespickte Hauptdämon (dem das Publikum den Spitznamen „Pinhead“ gab) sagt: „Ich werde deine Seele in Stücke reißen“, hat seine Stimme dabei einen sanften Unterton, der die Drohung zur Versuchung werden lässt. Mit nur 90 000 Dollar Budget gestaltete Barker seine Horrorvision zwischen Punk- und Sadomaso-Anleihen, die Generationen von Filmemachern und Genreautoren prägen sollte.

          Von der Optik der virtuellen Noir-Welt in „Matrix“ über die blassen Ledermäntelträger im Science-Fiction-Thriller „Dark City“ bis zu den elektronischen Implantaten des Cyborg-Kollektivs in „Star Trek“ lassen sich Barkers Spuren finden. Dass er weniger verstören als vielmehr aus den Untiefen seiner Phantasie Welten entstehen lassen wollte, in denen die „Freaks“ die Protagonisten sind, deutete er vier Jahre später in der Verfilmung seiner Novelle „Cabal“ an, in der gefiederte, doppelköpfige oder gestaltenwandlerische Geschöpfe der Nacht die empathischen Helden sind, die von faschistischen Polizisten, katholischen Exorzisten und einem zwielichtigen Psychiater (David Cronenberg gab sich die Ehre) gejagt werden. Seinen Höhepunkt fand dieses Weltenerfinden 1991 im Roman „Imajica“.

          Allerlei schaurig-schöne Figuren

          Wie Stephen King bedient sich Barker zwar des Horrorgenres, nimmt dessen Regelwerk jedoch nur als Rahmen, von dem aus er sich in schriftstellerische Höhenflüge aufschwingen kann. Wo King komplexe Figuren in der nüchternen Sprache der amerikanischen Romantradition erschafft, lassen sich bei Barker poetische Einflüsse seiner britischen Heimat finden, von William Blake über Lord Byron bis Robert Louis Stevenson.

          Auf mehr als 800 Seiten führt Barker in „Imajica“ durch mehrere Dimensionen, die von Zauberern, widerstreitenden Mächten und allerlei schaurig-schönen Figuren bewohnt werden, wo Kämpfe in Wüstenlandschaften ausgetragen und mystische Reliquien in phantastischen Palästen aufbewahrt werden, jeder Ort ein Gemälde, dessen Details bis zum Horizont ausgearbeitet sind.

          Auch wirkliche, nicht nur metaphorische Gemälde malt Barker. Als ihn 2005 ein Reporter der „Los Angeles Times“ in seinem Haus in Beverly Hills besuchte, staunte der über die Vielzahl der Bilder, die Barker innerhalb von acht Jahren produziert hatte: escherhaft verzweigte Städte, die in einen dunklen Sternenhimmel reichen, Dämonen, aus deren Mündern spitze Zähne ragen, Lichtgestalten, deren Körper in wogende Blumenmeere übergehen.

          Mehr als 500 Bilder hatte Barker, der ursprünglich Malerei studieren wollte, auf Leinwände ge­bracht, viele davon nutzte er zur Illustration seiner Kinderbuchreihe „Ararat“, die er für die Tochter seines damaligen Lebensgefährten geschrieben hatte.

          2012 fiel er nach einem Zahnarztbesuch durch eine Bakterieninfektion ins Koma. Von der Krankheit erholte er sich langsam und warf all seine Kraft abermals ins Schreiben. 2020 kündigte er in einem Interview an, am neuen Buch „Deep Hill“ zu arbeiten; geprägt von den politischen Ereignissen seiner amerikanischen Wahlheimat, solle es düsterer werden als seine anderen Werke. Solche Erwartungen, das wissen seine Leser und Zuschauer, übertrifft er mühelos. An diesem Mittwoch wird Clive Barker siebzig Jahre alt.

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