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Claude Simon in einer Pariser Ausstellung : Der Mann, der einen Schnitt durch die Literatur machte

Im Augenblick des Schreibens: Zeichnung von Claude Simon, die er seinem „Blinden Orion“ voranstellte. Bild: Privatsammlung

In der Beschreibung muss alles schon stecken: Zum hundertsten Geburtstag von Claude Simon zeigt das Pariser Centre Pompidou eine exzellente kleine Ausstellung.

          „Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt./Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“ Diese Zeilen aus Rilkes achter Duineser Elegie stellte der 2005 verstorbene Claude Simon einem seiner Romane voran. Sie kommen einem in den Sinn, betritt man in der Bibliothek des Pariser Centre Pompidou die kleine Ausstellung aus Anlass seines 100. Geburtstags, deren Titel das „Unerschöpfliche Chaos der Welt“ beschwört.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Zumal man in einer der Vitrinen auch gleich betrachten kann, wie Simon dieses Chaos bändigte, wie aus dem Magma der Erinnerungen und Eindrücke, der Bilder und Worte die Kompositionen seiner Bücher entstanden: Man steht da vor einigen seiner „Plans de montage“, in denen die einzelnen Textregister, Themen oder auch die mit ihnen assoziierten Figuren farbig markiert sind. Manchmal werden daraus Diagramme, manchmal auch Zeichnungen, in denen die Verschränkung der verschiedenen Zeiten und Räume in Figuren festgehalten ist, und von denen eine aussieht, als ob sie einen geologischen Schnitt darstellte.

          Claude Simon pflegte die verschiedenen Register, Themen oder auch Personen entstehender Roman mit bestimmten Farbe zu verknüpfen: Hier ein „Plan“ der „Straße in Flandern“, datiert auf den 13. April 1959.

          Kleine Zeichnungen finden sich auch auf Manuskriptblättern – Simon schrieb alle Texte zuerst mit der Hand –, nun aber gar nicht abstrakter Art, sondern skizzenhafte Vergegenwärtigungen bestimmter Gegenstände, Figuren oder Szenen: Statthalter der Bilder, aus denen sich Texte entfalten und die ebenso wie bestimmte Worte Übergänge zwischen verschiedenen Textregistern auslösen können. Während die selbständige Zeichnung, deren Reproduktion Simon seinem „Blinden Orion“ voranstellte und die ein schreibende Hand an einem Schreibtisch vor geöffnetem Fenster zeigt, durchaus nicht irgendeine Szene ist, sondern ins Bild setzt, was Simon oft festgehalten hat: Dass seine Texte, wie viele Vorbereitungen und Lektüren vorangegangen sein mögen, immer im Fortschreiten des Schreibens selbst entstanden: „Erst beim Schreiben entsteht eine Sache. Es fasziniert mich, dass diese Sache immer unendlich reicher ist als das, was ich mir vorgenommen hatte. Es scheint also, dass das weiße Blatt und das Schreiben eine mindestens ebenso große Rolle spielen wie meine Absichten, als ob die Langsamkeit der schreibenden Hand notwendig wäre, um den Bildern Zeit zu geben, sich anzusammeln.“

          Bücher, Bilder und Dokumente

          Darunter auch die Bilder im engeren Sinn, von den Fotografien und Postkarten im Familienarchiv über Illustrationen in Büchern und anonyme Werke bis zu den Bildern der alten und zeitgenössischen Kunst: Alle konnten bei Simon Texte hervortreiben und deren Verzweigungen steuern, und auch von diesem Bildarchiv gibt die Ausstellung einen Eindruck: Werke der Künstler, denen sich Simon besonders verbunden wusste, werden auf einem der großen Videoschirme gemeinsam mit seinen Texten gezeigt; einige Bildbände demonstrieren, worauf Simon zugriff; Postkarten, an denen entlang in „Histoire“ ein Teil der Familiengeschichte evoziert wird, liegen in buntem Haufen.

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