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Christoph Ransmayr wird 60 : Die Wirklichkeit kann doch nicht alles sein

Seine Figuren schickt er mit Vorliebe auf hohe Berge und in Eiswüsten: Christoph Ransmayr ist ein Meister der Reiseliteratur Bild: Wohlfahrt, Rainer

Kümmert es den Himmel, wer ihn durchfliegt? Oder den Berg, wer ihn besteigt? In seinen Romanen stellt der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr die Welt auf die Vergänglichkeitsprobe.

          Christoph Ransmayr ist kein Dichter, der sich ein Denkmal wünschen würde. Aber wenn er sich eines wünschen müsste, dann wäre es zweifellos ein bewegliches, kein Standbild, sondern eines, das umhergeht, das unterwegs ist. Viele Schriftsteller unserer Tage sind weit herumgekommen, zumeist als Handlungsreisende in eigener Sache, aber mit der Art und Weise, wie Ransmayr seiner Wege geht, hat das nicht das Geringste zu tun. Geboren und aufgewachsen ist er als Sohn eines Volksschullehrers in einem kleinen Dorf in Oberösterreich. Die Familie hatte weder Fernseher noch Auto. Reisen wurden zu Fuß unternommen - oder in der Imagination. Das hat ihn geprägt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Ransmayr 1984 „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ veröffentlichte, seinen ersten Roman, schickte er seiner abenteuerlichen, auf drei Erzählebenen angesiedelten Erzählung von der historischen Payer-Weyprecht-Expedition in die Arktis eine Vorbemerkung voraus, mit der er sich der schon damals gängigen Rede von der kleiner gewordenen Welt entgegenstemmte: „Aber das ist ein Irrtum! Unsere Fluglinien haben uns schließlich nur die Reisezeiten in einem geradezu absurden Ausmaß verkürzt, nicht aber die Entfernungen, die nach wie vor ungeheuerlich sind. Vergessen wir nicht, dass eine Luftlinie eben nur eine Linie und kein Weg ist und: dass wir, physiognomisch gesehen, Fußgänger und Läufer sind.

          Seine Bücher atmen die Sehnsucht nach Meer und Bergen

          Knapp drei Jahrzehnte später beschreibt Ransmayr in seinem jüngsten Buch, dem siebzig Episoden versammelnden „Atlas eines ängstlichen Mannes“, wie der Fußgänger, mit Schnorchel und Taucherbrille im Atlantik treibend, in dem ihm fremden Element einer riesigen Walkuh begegnet, in deren Blick er eine Gleichgültigkeit zu erkennen glaubt, die so abgrundtief ist, „vergleichbar der eines Berges gegenüber dem, der ihn besteigt, der des Himmels gegenüber dem, der ihn durchfliegt -, dass mich das Gefühl überkam, als müsste ich mich unter diesen Augen ohne den geringsten Rest auflösen, müsste unter diesen Augen verschwinden, als hätte ich nie gelebt“.

          Ransmayr erzählt von Expeditionen, Abenteuern, Reisen und unerhörten Begebenheiten, um darin nicht das Einzigartige, sondern das Allgemeinste zu entdecken: dass nichts von Dauer und schon gar nichts ewig ist. Bereits in „Die letzte Welt“, seinem 1988 erschienenen Roman über den antiken Dichter Ovid, den aus Rom ans Schwarze Meer verbannten Verfasser der „Metamorphosen“, spielte das Motiv der „alles vernichtenden, alles verwandelnden Vergänglichkeit“ eine zentrale Rolle. Die Wandelbarkeit, die es beschwört, führt das Buch während der Lektüre vor: Es ist historischer Roman und Detektivgeschichte, Utopie und Apokalypse, ein postmodernes Erzählexperiment, in dem römische Antike und moderne Gegenwart sich mischen.

          Versepos über Reinhold Messner

          Die Märchenformel des „Es war einmal“, den trügerischen Inbegriff erzählerischer Behaglichkeit, versteht Ransmayr als Hinweis darauf, dass wohl keine andere Spielform des Erzählens mehr von der Vergänglichkeit weiß als die Überlieferung. Gleichzeitig ist das Märchen eine der langlebigsten literarischen Künste überhaupt, nicht zuletzt deshalb, so Ransmayr, weil es seine Leser ermutige, ihr Denken „auf das ganz andere, auf die komplementären Regionen unseres Bewusstseins und Daseins zu richten“.

          Damit dürfte die Stoßrichtung der meisten Werke dieses in alle Weltsprachen übersetzten und vielfach ausgezeichneten Autors benannt sein. Wie das Märchen, wenngleich mit anderen Mitteln, will Ransmayr davon erzählen, „dass, was ist, nicht alles ist, nicht alles sein kann“. Deshalb entwirft er seinen 1995 erschienenen Roman „Morbus Kitahara“ als Alternativweltgeschichte, die nach einem Krieg in einem deindustrialisierten Land angesiedelt ist, und deshalb lässt er seinen Roman „Der fliegende Berg“ mit einer Auferstehungsszene beginnen: „Ich starb / 6840 Meter über dem Meeresspiegel / am vierten Mai im Jahr des Pferdes.“

          In dem 2009 erschienenen Roman verarbeitet Ransmayr das Schicksal seines engen Freundes Reinhold Messner, dessen Bruder 1970 bei der gemeinsamen Besteigung des Nanga Parbat unter nie ganz geklärten Umständen ums Leben kam. Ransmayr, der zunächst an eine historische, an den bloßen Fakten orientierte Darstellung des Vorfalls gedacht hatte, wählte einen anderen Weg und schrieb ein Versepos, er wählte also eine der heute weniger gebräuchlichen „Spielformen des Erzählens“, denen er seit 1997 nachspürt. Zehn Bände umfasst das viel zu wenig beachtete Projekt dieses Autors bis heute, der jüngste ist soeben erschienen und enthält elf Ansprachen, öffentlich vorgetragene Texte, Dankesreden etwa, die der Autor jetzt unter dem Titel „Gerede“ versammelt hat.

          Erstaunlicherweise fehlt in diesem Band Ransmayrs Dankesrede zum Büchnerpreis. Noch erstaunlicher: Er hat diese Auszeichnung bis heute nicht bekommen. Dabei halten sein enormes Formbewusstsein und die Makellosigkeit seiner Prosa jeden Vergleich aus. Aber vielleicht liegt hier das Problem der Darmstädter Akademie: Womit eigentlich sollte sie dieses Werk vergleichen? Es steht für sich. An diesem Donnerstag wird Christoph Ransmayr sechzig Jahre alt.

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