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Autor Christian Kracht : „Natürlich habe auch ich meine Schule angezündet“

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Christian Kracht an der Frankfurter Goethe-Universität Bild: Frank Röth

Qualvoll ernste Nabelschau und groteske Übersteigerung: Zum Abschluss von Christian Krachts Frankfurter Poetikvorlesung, in der er sein eigenes Werk biographisch auslegte.

          „Natürlich habe auch ich meine Schule angezündet. Die Akten liegen für die Forschung bereit beim Jugendgericht in Thun.“ So lauten die letzten Sätze von Christian Krachts Frankfurter Poetikvorlesung: noch eine direkte Spur ins Werk also, in seinen Roman „Die Toten“, in dem ein Schüler das ihm verhasste Internat in Schutt und Asche legt. Und eine Klammer für die ganze Veranstaltung, bei der Kracht an nunmehr drei Abenden sein Werk konsequent im Zeichen der eigenen Biographie ausgelegt hat, insbesondere in dem einer frühen Missbrauchserfahrung (F.A.Z. vom 17. Mai). Aber gleichzeitig haben diese Sätze mit ihrem koketten Appell an die „Forschung“ auch etwas Augenzwinkerndes, als wolle der sie Aussprechende sich über die biographische Auslegung lustig oder zumindest darauf aufmerksam machen, wie bewusst er hier die Fäden zieht.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Empfindung des Manipuliertwerdens gehört seit jeher zur Lektüre von Krachts Texten und erst recht zur Wahrnehmung seiner öffentlichen Auftritte. Das ewig Rollenhafte, nie ganz zu Greifende hat er wie kaum ein anderer zeitgenössischer Schriftsteller zu seiner Aura gemacht – und so erschütternd seine Frankfurter Vorträge mitunter wirkten, wenn es um eigene Verletzungen oder auch einen Selbstmordversuch der Mutter ging, so gezielt wurden darin Warnsignale der Übertreibung, Verfremdung und Ironie gesetzt.

          Als Kracht in der zweiten Vorlesung aus seinem Elternhaus erzählt, von einem Vater mit „völligem Desinteresse an meiner Person“, von dessen „Panzer aus Lügen, Diebstahl und Geheimnistuerei“, verfolgt man mit zunehmendem Staunen, wie die Geschichte Züge einer Münchhausiade annimmt, in der Axel Springer und Franz Josef Strauß als „halbseidene Gestalten“ mit der Ausstrahlung von Vorstadtkriminellen auftreten, der depressive Dandy Gunter Sachs dem Schriftsteller Stahlhelm und Gasmaske schenkt, bevor er sich in den Kopf schießt, ein Onkel als Dragqueen zu Zarah Leander tanzt und schließlich der Vater Originale expressionistischer Gemälde unterm Bett hortet, als wäre man hier bei den Gurlitts.

          Alles, was sich selbst zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie

          Wie das zusammenpasst, die qualvoll ernste Nabelschau und die groteske Übersteigerung, erklärt Kracht schließlich selbst: indem er nämlich auf eine lebensverändernde Begegnung mit der Parodie verweist. Sie erschien ihm in Gestalt eines Buches mit dem Titel „Bored of the Rings“, das Tolkiens „Lord of the Rings“ zum Gegenstand hatte, was er als Zwölfjähriger allerdings noch nicht verstand: Er habe damals zwar ein Konzept des Missbrauchs, aber noch keines der Parodie gehabt. „Heute weiß ich, dass Parodie eine Heilung für den Missbrauch sein kann.“

          Mit diesem Schlüsselsatz hat man tatsächlich eine starke Erklärung für vieles an Krachts literarischer Ästhetik, von „Faserland“ (1995) bis zu „Die Toten“ (2016). Aber gleichzeitig sind Literaturkritik und Literaturwissenschaft gut beraten, sie nicht zur einzigen Erklärung zu machen. Von Krachts Frankfurter Bekenntnissen, die Licht auf seine schriftstellerische Motivation werfen, sind manche der Reize, die von seinen Werken ausgehen, gar nicht berührt; sie verlieren deshalb nicht ihre teils schwer zu ertragende ästhetische Provokation, sondern genau darin könnte auch ihre Qualität liegen.

          Und überhören sollte man auch nicht einen weiteren Schlüsselsatz, den Kracht in Frankfurt noch äußert: „Alles, was sich selbst zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie – auch diese Vorlesungsreihe.“ Nachdem er dies gesagt hat, kann man nicht mehr sicher sein, mit welcher Absicht der Autor so überaus ausführlich die ihm vorbildgebenden Dichter zitiert, darunter T.S. Eliot und Allen Ginsberg. Seine formvollendet wohlklingende englische Suada: ihrerseits also eine Parodie des Gelehrtentums, vielleicht auch eine Art witziger Selbstkritik als einer jener „fake Anglos“, zu denen er Eliot zählt? Aber so wie dieser und Ginsberg Sprache aus ganz verschiedenen Sphären montierten und parodierten, soll das Gesamtpaket von Krachts Vorlesung vielleicht auch eine Art ernsthafter Parodie sein, genauer gesagt: ein parodistisches Memoir. Im Lichte des um Autoren wie Knausgård und Eribon zuletzt von manchen Feuilletonisten erzeugten Hypes um eine vermeintlich neue Authentizität wirkt es zumindest so, als ob Christian Kracht auch hier gezielt gewisse Knöpfchen drücke – und, wie man an einer reichlich pathetischen Reaktion in der „Süddeutschen Zeitung“ sieht, in der es nun hieß, Kracht habe noch nie einen ironischen Satz geschrieben, damit auch Erfolg hat. Aber so leicht hat er es seinen Rezipienten nie gemacht und wird es wohl auch nicht machen – die Ambivalenz bleibt, und sie macht eben auch den Reiz einer kunstvoll komponierten Vorlesung aus, auf deren gedruckte Form man nach dem Schlussteil am vergangenen Dienstag nun gespannt wartet.

          Eindeutig ist Krachts Selbstauslegung in dem Anliegen, den einst im „Spiegel“ lancierten, auf grotesker Fehldeutung beruhenden Vorwurf zu widerlegen, er sei „Türsteher der rechten Gedanken“. Dass ein Autor sich gezwungen sieht, die eigentlich selbstverständliche Unterscheidung zwischen ihm und seinem Werk zu fordern, zeigt auch, wie nachhaltig das Gift solcher Vorwürfe öffentlich wirkt: „Ich habe mit diesen Tellkamps und ihren Winzermützen nicht das Geringste zu tun.“ Inwiefern Kracht hiermit womöglich selbst einer zweifelhaften Verdichtung unterliegt, steht auf einem anderen Blatt.

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