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Chimamanda Ngozi Adichie : Unser lächerlicher Optimismus

„Die Idee, dass der Messias immer von außen kommen muss, gefällt mir nicht“: die aus Nigeria stammende Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie Bild: dpa

Wie wird die schreckliche Geschichte der entführten Schulmädchen nur enden? Wer ist Boko Haram, was kann der Westen tun? Fragen an die aus Nigeria stammende Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie.

          4 Min.

          Seit vier Wochen sind die Schülerinnen verschwunden, die von der islamistischen Sekte Boko Haram im Norden Nigerias entführt wurden. Mehr als zweihundert sollen es sein. Die Kritik an Präsident Jonathan wird immer lauter, nicht entschlossen genug zu handeln. Wie wird diese schreckliche Geschichte nur enden?

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wenn ich das wüsste! Ich habe noch Hoffnung. Aber das ist typisch nigerianischer, lächerlicher Optimismus. Mein Gespür sagt mir, dass die Mädchen gefunden werden, aber die größere Frage ist die nach Boko Haram: Viel zu lange hat man ihren Taten nur zugesehen. Und selbst die nigerianischen Politiker, die Boko Haram früher als destabilisierende Kraft begrüßt haben, haben inzwischen die Kontrolle über sie verloren.

          Plötzlich interessiert sich auch der Westen für die innenpolitische Lage Ihres Heimatlandes. Es gibt eine riesige Solidaritätskampagne in den sozialen Medien. Ihr Kollege, der Schriftsteller Teju Cole, hat daraufhin getwittert: Danke für die Unterstützung, aber wir brauchen eure Sentimentalität nicht. Wie geht es Ihnen dabei, haben Sie auch gemischte Gefühle?

          Ja. Sentimentalität ist natürlich gut und menschlich. Aber das eigentliche Problem ist ja, dass die Regierung nicht reagiert hat. Die Nigerianer sagen jetzt: Die Amerikaner kommen, um uns zu helfen, alles ist gut. Nichts ist gut! Die Idee, dass der Messias immer von außen kommen muss, gefällt mir nicht. Ich glaube daran, die Sache mit einheimischen Mitteln zu lösen. Und dann kommt noch dazu, wie die Geschichte vereinfacht wurde, damit sie in die vorgefertigten Erzählmuster des Westens passt. Jetzt wird uns erzählt: Es ist genau wie mit den Taliban in Afghanistan! Ist es aber nicht. Es ist nicht wie in Afghanistan, wo die Erziehungsfrage eine Geschlechterfrage ist. Diese Leute haben auch Jungen in ihren Schulen getötet. Aber so sieht der Westen das jetzt, und es passt zu all diesen Klischees, die es über Afrika gibt. Wie geht es da unten nur zu! Jedes Mal, wenn ich so was im Fernsehen sehe, schüttelt es mich. Andererseits hat meine Regierung genau wegen dieser Reaktionen aus dem Westen überhaupt erst begonnen, sich zu rühren.

          Nachdem sie vorher, statt Boko Haram zu bekämpfen, eher Schulen geschlossen hat, damit sie nicht überfallen werden.

          Sie konnten Boko Haram nicht bekämpfen. Unsere Armee ist in einem schrecklichen Zustand. Unser Verteidigungsbudget ist zwar riesig, aber wir wissen nicht, wohin das Geld fließt. Auf der einen Seite stehen Soldaten, die schlecht ausgestattet und ausgebildet sind, und auf der anderen Seite Boko Haram, die unglaublich aufgerüstet ist. Aber niemand fragt, woher die Waffen kommen. Über die politischen Zusammenhänge wird oft nicht berichtet, weil sie so unübersichtlich sind.

          Inwiefern?

          Nigeria ist in Süd und Nord geteilt. Und im politischen Diskurs Nigerias herrscht die Vorstellung, dass der Norden Präsident Jonathan nicht mag, weil er aus dem Süden kommt. Jonathan hat das verinnerlicht, und seine Regierung genauso. Es gibt viele Nigerianer, die Boko Haram für ein Geschöpf der politischen Eliten aus dem Norden halten, die Jonathans Macht destabilisieren wollen. Deswegen hält der Präsident alles, was jetzt passiert, für das Werk seiner Gegner. Als die Mädchen entführt wurden, hat er erst nicht geglaubt, dass es wirklich wahr ist, er dachte, es sei nur die nächste Intrige. (Lacht.) Traurig, aber es ist nicht unlogisch, dass er so dachte. Trotzdem, selbst wenn, hätte er nicht tatenlos bleiben dürfen. Er hätte zumindest seine Sicherheitsleute fragen können, was da los ist. Hat er aber nicht. Doch ich glaube, ohne diese politischen Verstrickungen hätte sich Jonathan ganz anders verhalten.

          Sie sprechen vom politischen Diskurs in Nigeria - wer nimmt daran teil? Und hat der wirtschaftliche Aufschwung Ihres Landes auch ihn beflügelt?

          In Nigeria ist jeder politisch. Du lässt dein Auto reparieren, und der Mechaniker hält dir politische Vorträge. Du steigst in ein Taxi, schon steckst du mittendrin. Aber die Vorstellung, es herrsche ein wirtschaftlicher Aufschwung ... (Atmet tief durch und lacht.) Ich bin ja auch für Aufschwung. Aber ich weiß nicht, ob beim durchschnittlichen Nigerianer davon überhaupt etwas ankommt. Die Stromversorgung ist jedenfalls nicht besser geworden. Das würde wirklich etwas ändern. Die Leute reden ständig über Elektrizität. Ich könnte mich stundenlang über Stromausfälle aufregen!

          Das ist ja auch ein großes Thema in Ihrem neuen Roman.

          Ja. Aber ich beschwere mich aus Liebe. Ich liebe Nigeria, aber ich will, dass es besser wird.

          Interessant, wie die jetzige Situation sich in „Americanah“ spiegelt, oder? Es geht in Ihrem Buch ja auch darum, wie der Westen mit seiner Rolle in der Welt ringt. Wie er versucht, sich politisch korrekt gegenüber den Teilen der Welt zu verhalten, die nicht weiß und privilegiert sind. Und wie sich dabei gute Absichten in ihr Gegenteil verkehren.

          Das kann man so sehen, ja. Ich hatte wegen der entführten Mädchen ungefähr zweitausend Interviewanfragen aus dem Westen. Aber ich spüre da auch einen arroganten Zug in diesen Bemühungen, im Sinne von: Wieso reißen sich diese verrückten Nigerianer nicht mal zusammen? Es gibt Amerikaner, die ernsthaft fordern, ihre Armee in unser Land zu schicken. Da hab’ ich mich dabei ertappt, wie ich dachte: Wenn ich die Präsidentin von Nigeria wäre, würde ich unsere Soldaten nach Amerika schicken, um dessen innenpolitische Probleme zu lösen?

          Was raten Sie dem Westen dann, was er tun soll?

          Das wüsste ich auch gern. Deswegen denke ich ja, dass es unser eigenes Problem ist. Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr Komplexität. Hört auf, es euch so leicht zu machen! Es ist nicht wie mit den Taliban. Nicht alles in der Welt muss in eure vorgefertigten kleinen Schubladen passen. Und hört auf, Präsident Jonathan zur Karikatur abzustempeln. Was er tut, ist verwerflich und nicht zu entschuldigen, aber wenn man den politischen Kontext kennt, werden seine Handlungen verständlicher. Die Boko Haram sind in der Vergangenheit von nigerianischen Politikern unterstützt worden. Ich frage mich, warum niemand mal mit denen redet. Ich habe viele Fragen, aber die Medien beantworten sie nicht, weder die in Nigeria noch die von außerhalb.

          In Ländern wie Indien, der Türkei und Brasilien ist mit dem wirtschaftlichen Aufschwung auch die Frustration in den Schichten gewachsen, die vom Fortschritt ausgeschlossen bleiben. Gehen die Nigerianer bald auch auf die Straße?

          Nein. Ich war stolz auf die Leute, die ihre Wut über die entführten Mädchen auf die Straße getragen haben. Aber uns fehlt der revolutionäre Geist, auch wenn wir den Ruf haben, so laut und verrückt zu sein, das werden Ihnen viele Afrikaner jedenfalls sagen. Die Nigerianer sind sehr folgsam, weswegen ich andererseits glaube, dass es mit einer guten Regierung leicht sein könnte, das Land nach vorn zu bringen. Erst mal geht es um Infrastruktur. Wenn wir die Versorgung mit Wasser und Strom und das Bildungssystem in Ordnung brächten, wäre uns schon viel geholfen.

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