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Charlotte Roches neuer Roman : Kommt alle zu mir auf die Couch

  • -Aktualisiert am

Charlotte Roche versteht es, an den richtigen Knöpfen der menschlichen Psyche zu drehen. Ist das schon Literatur? Bild: ©Helmut Fricke

In dieser Woche erscheint „Schoßgebete“, der neue Roman von Charlotte Roche. Wer geglaubt hat, sie könne nur provozieren, aber nicht schreiben, wird staunen. Ihre Heldin liefert sich beim Leser zur Therapie ein.

          Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen rein zufällig und nicht beabsichtigt.“ Mit dieser Erklärung beginnt „Schoßgebete“, das neue Buch von Charlotte Roche. Und von all den aufgeladenen, kernigen, wichtigen Sätzen, vor denen der Roman auf seinen 283 Seiten nur so strotzt, sind diese die für seine Wirkung wohl entscheidenden. Denn sich ein Unglück, wie es im Zentrum dieses Buches steht, vorzustellen oder lesend nachzuempfinden, ist etwas vollständig anderes, als es tatsächlich selbst durchlitten zu haben. Darum und nicht nur aus juristischen Gründen ist die Klausel wichtig. Sie markiert den Boden des Abgrunds, in den dieses Buch zitternd hinunterstarrt und von dem aus es zugleich zornig hinauf in einen Himmel blickt, der ihm keine Rettung verheißt. Was „Schoßgebete“ verhandelt, ist nicht allein die durchgedrehte Phantasie einer Romanheldin. In die Rollenprosa mischt sich die untröstliche Wahrheit der Autorin.

          Der Roman „Schoßgebete“, der in dieser Woche im Piper Verlag erscheint, erzählt drei Tage - Dienstag, Mittwoch, Donnerstag - aus dem Alltag von Elizabeth Kiehl. Es ist eine Innenansicht des ganz normalen Lebens einer nicht ganz so normalen Frau, die alles daran setzt, als Geliebte, Mutter und Patientin am Dauerrand des Nervenzusammenbruchs eine gute Figur abzugeben. Es ist das egomane Protokoll einer Existenz, die bestimmt ist von Angst und Aggression, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sich aufzulösen, und dem Bedürfnis, sich selbst überhaupt noch zu spüren. Das, was sie erlebt hat, übersteigt die Vorstellung: Bei einem Autounfall auf der Fahrt nach England zu ihrer Hochzeit sind vor acht Jahren ihre drei Brüder gestorben; ihre Mutter wurde schwer verletzt. Seitdem ist Elizabeth „immer auf das Schlimmste gefasst“. Nur im Bett, beim Sex kann sie eine andere werden: „Dann bin ich völlig frei.“

          Eine gedankliche Selbstzerfleischerin

          Elizabeth ist dreiunddreißig. Wie viele Frauen dieses Lebensabschnitts jongliert sie mehrere Verantwortungen. Sie ist Mutter von Liza, sieben, Stiefmutter von Max, ebenfalls sieben, und Ehefrau von Georg, unbeziffert alt. Elizabeth hat einen Vaterkomplex, von dem auch schon vor Georg „viele alte Männer profitiert haben“. Seit sieben Jahren ist sie nun mit ihrem Mann zusammen, ihre bisher längste Beziehung. Vater ihrer Tochter aber ist Stefan, der Mann, den sie geheiratet hätte, wenn der Unfall nicht passiert wäre, der sie in einen „Scherbenhaufen“ verwandelt hat: „das schlechte Gewissen, dass ich lebe und sie nicht“. Weil das im Grunde nicht zum Aushalten ist, hat sie irgendwann auch den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen.

          Was Elizabeth macht, das macht sie bis zur Manie: Sie ist eine gedankliche Selbstzerfleischerin, fanatische Vegetarierin und Hardcoreatheistin. Die Umwelt ist ihre „Ersatzreligion“. Ein anderer Glaubensersatz ist Elizabeths Monogamie-Großprojekt, das „Für-immer-Zusammenbleiben mit meinem Mann“, was sie nicht davon abhält, gelegentlich von Sex mit anderen Männern zu träumen. Dreimal die Woche geht sie zur Therapie, wo sie lernt, netter zu sich zu sein. Das heißt vor allem, sich so zu akzeptieren, wie sie ist, und trotzdem weiter an sich zu arbeiten. Denn Elizabeth will viel: für ihren Mann die beste Ehefrau sein, für ihre Tochter die beste Mutter und für ihre Therapeutin die beste Patientin. „Überforderung“ heißt das im Therapiedeutsch, das Elizabeth sehr viel benutzt. Denn sie hat die Gewohnheit, alles, was sie tut, auch gleich im Kopf zu analysieren. Leider schließt die dauernde Selbstkontrolle Entspannung aus - bis in den Schlaf hinein: „Der Tod liegt auf mir, wenn ich einschlafe, er ist da, wenn ich aufwache.“

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