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Cees Nooteboom zum Achtzigsten : Seelenflaneur

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Wird auch immer wieder als Kandidat für den Nobelpreis für Literatur gehandelt: Cees Nooteboom Bild: Graziano Arici / eyevine

Als Reporter erlebte er Weltgeschichte, als Autor teilt er mit uns den Außenseiterblick aufs Überflüssige, aufs Rauschen der Zeit und das Vorübergehende der Menschen: Zum achtzigsten Geburtstag des Schriftstellers Cees Nooteboom.

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          Unterwegs ist Cees Nooteboom sein ganzes Leben lang. In seiner Schulzeit fiel er den Lehrern lästig; vom Militärdienst wurde er als „zu mager“ freigestellt, aus ersten beruflichen Versuchen als Bankkaufmann entließ er sich selbst. Seit 1953, und das ist schon eine Weile her, befindet sich dieser ungewöhnliche Autor auf Reisen, zuerst viel in Paris, an der Côte d’Azur, später in Spanien und Portugal. Als Journalist machte er aus diesem Zustand einen Beruf, war lange Zeit in seiner Heimat recht eigentlich als Verfasser tiefgründiger Reiseliteratur bekannt. Das Unterwegssein, das Beobachten und Flanieren durch Orte, Epochen, Seelen ist für Nooteboom dabei zur Daseinsweise geworden. Das Schreiben, mit dem er spät berühmt wurde, kam meist lange hinterher.

          Denn nach dem Erstling „Philip und die anderen“ (1955), der viel dem Amsterdamer Freund Philip Mechanicus verdankt, nahm sich Nooteboom eine lange Pause vom Roman, auch später immer wieder. Mechanicus wurde nach seinem Onkel benannt, den die Deutschen 1944 in Auschwitz erschossen; der japanischen Frau des Neffen, eines Fotografen, verdanken sich viel später Motive in Nootebooms schönstem Buch „Rituale“, das von Teezeremonien, Zen und Religionen fast noch mehr handelt als von vergeblicher Liebe. So ging das oft mit Ideen und Geschichten dieses geduldigen, diskreten, sparsamen Geschichtenerzählers: Er nahm sich seine Zeit, arbeitete mal als Redakteur für niederländische Zeitungen und Zeitschriften, war mit der fulminanten Sängerin Lisbeth List liiert (und schrieb für sie Liedtexte) - und brach dann wieder auf für lange Zeit.

          Nootebooms feine Selbstironie umgarnte Reich-Ranicki

          Vielleicht wollte Nooteboom ja eine versehrte Welt nicht mit Büchern überschwemmen, die seinem frühen Roman einen Anne-Frank-Preis verleiht - in der aber keine Anne Frank mehr leben darf. Wenn so vieles nicht stimmt, denkt Cees Nooteboom lieber skeptisch nach und fährt ab. Dafür erlebte der Autor als gar nicht rasender, sondern eher irritierter Reporter Weltgeschichte wie beim Ungarnaufstand 1956, beim SED-Parteitag 1963, beim Pariser Mai 1968. Diese Spürnase, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, verließ Nooteboom auch 1989 nicht, als er einen zweijährigen Stipendienaufenthalt in Berlin antrat - und dabei zu einem der wachsten und klügsten Beobachter der deutschen Einheit wurde.

          Besonders berühmt war er da weder in Holland noch in Deutschland. Ausgerechnet ein Geschenkbüchlein des niederländischen Verlegerverbandes, das im „Literarischen Quartett“ des deutschen Fernsehens auf fruchtbaren Boden fiel, brachte Anfang der neunziger Jahre die Wende. In „Die folgende Geschichte“ geht es - etwas verschachtelt und philosophisch verbrämt - naturgemäß ums Reisen, ums Erinnern und um vergebliche Liebe - und um den Tod, der, genau betrachtet, ja nichts anderes als eine große Reise ist. Es wirkt bezeichnend für Nootebooms feine Selbstironie, wenn er den Schlüsselmoment seiner Autorenkarriere beschreibt: Den Ausschlag zum Verkaufserfolg habe Marcel Reich-Ranickis Eingeständnis gegeben, dass er das Buch nicht ganz verstanden habe.

          Kompliment an die deutsche Literatur: der Berlin-Roman „Allerseelen“

          Vielleicht aber soll man die geistreichen, lakonischen, von Aphorismen und Gesprächen, nicht aber von sonderlich packender Handlung durchsetzten Romane Cees Nootebooms ja auch gar nicht ganz verstehen. Sondern nur selbst über die eigenen Reisen, Erinnerungen und vergeblichen Lieben ins Nachdenken kommen. Wie das geht, das führte der zögerliche Meister noch einmal 1998 in seinem Berlin-Roman „Allerseelen“ vor. Der Held, der gefeuerte Lehrer Arthur Daane, führt ein unstetes Reiseleben im Hotel, sinniert über antike Philosophie, die er einst unterrichtete, und hängt der Liebe zu einer Schülerin nach, die der Tod ihm einst wegnahm. Nötig zu erwähnen, dass dabei niederländische Reminiszenzen und Reisen nach Madrid und Japan auch eine Rolle spielen? Dass hier andere Berlin-Klassiker wie Franz Hessel oder Walter Benjamin eine gewisse Rolle als Sparringspartner spielen, darf man getrost als Kompliment an die deutsche Literatur begreifen.

          „Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“, lautet ein Aphorismus aus Nootebooms Werk, das übrigens auch aus Lyrik besteht. Und es ist gut, dass dieser gedächtnisscharfe Mann uns an seinen längst nicht immer willkürlichen Erinnerungen teilhaben lässt. Längst hat unser Autor, der in Deutschland immer noch bekannter ist als im eigenen Land, die wichtigsten niederländischen Literaturpreise dann doch noch erhalten. Längst ist sein Außenseiterblick aufs Überflüssige, aufs Rauschen der Zeit und das Vorübergehende der Menschen zum Thema der Literaturwissenschaft geworden. Und wer das Glück hat, einen Abend in seiner Gesellschaft zu verleben, dem füllt sich nach hingeworfenen Reiseimpressionen, Anekdoten, philosophischen Lichtblitzen der Begriff „Erzähler“ mit ganz frischer Bedeutung.

          Nach Deutschland fährt Nooteboom, der seine erste bewusste Kindheit notabene unter menschenmordender deutscher Besatzung verbringen musste, immer wieder gern, wenn auch sein Grachtenhaus in Amsterdam und seine Südresidenz in Menorca keine schlechten Alternativen sind. Er sei, hat er einmal gesagt, überall ein bisschen ungern. Gleichzeitig sagt er über die neuen Deutschen, denen sein Werk so nahe ist: „Ich bin gern da, es ist ein ernsthaftes Volk.“ Wenn das der kluge Mann, der an diesem Mittwoch achtzig Jahre alt wird, mal nicht ironisch meint. Nur eines ist bei ihm sicher: Er bleibt weiter unterwegs.

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