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Carolin Emcke im Gespräch : Vom Zauber der Modulation

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Neigt zur Bockigkeit gegenüber Etikettierungen, sonst aber äußerst umgänglich: Carolin Emcke, 44 Bild: Andreas Labes

Klassische Musik hat sie gelehrt, die eigene Variation von der Norm zu akzeptieren: Carolin Emcke über Formen des Begehrens, Sex unter Frauen und die Liebe zur Musik.

          Sie sind Kriegsreporterin, geben Seminare zu Themen wie „Theorien der Gewalt“ und „Zeugenschaft von Kriegsverbrechen“, haben zuletzt ein Buch über die Opfer der RAF veröffentlicht: Wie kamen Sie auf die Idee, jetzt ein Buch über so etwas Ultraprivates wie Ihre eigene sexuelle Sozialisierung zu schreiben?

          Es gibt ein Thema, das sich durch alle Bücher zieht, nämlich: Sprachlosigkeit. Ich habe ein Buch mit Briefen aus dem Krieg veröffentlicht, in dem es um den Zusammenhang zwischen Gewalt, Traumatisierung und Sprachlosigkeit ging, bei der RAF ging es um das Schweigen zwischen Tätern und Opfern - und mein neues Buch hat zu tun mit der Sprachlosigkeit über die Entdeckung der eigenen Lust, die sich für uns alle mit der Pubertät verbindet, mit dieser Zeit, in der man Gefühlen ausgeliefert ist, für die man noch keine Begriffe hat, und gar nicht so recht weiß, wie einem geschieht.

          Wozu braucht es mehr Mut: aus dem Krieg in Afghanistan zu berichten oder über die eigene Sexualität?

          Ich weiß gar nicht, ob das so mutig ist. Natürlich ist das persönlich, was ich im Buch beschreibe, aber es ist auch existentiell politisch. Der Text ist eher der Versuch, mir das, worüber in der Öffentlichkeit dauernd verhandelt wird, wieder selbst anzueignen, mit meiner eigenen, hoffentlich genaueren Sprache.

          Es sei an dieser Stelle vielleicht dazugesagt, dass Sie lesbisch sind. Wobei, Sie selbst sagen schwul, oder?

          Ja. Ich neige zu einer gewissen Bockigkeit diesen Etikettierungen gegenüber. Außerdem finde ich, wie ein Freund von mir es mal formuliert hat, den Umweg über eine antike, griechische Insel auch ein bisschen . . . eigenwillig.

          Also sagen wir so: Sie begehren Frauen. Sonst hätten Sie das Buch wahrscheinlich auch nicht geschrieben, oder? Heterosexuelle würden sich nie die Fragen stellen, die Sie sich stellen, denn sie sind ja sozusagen die Norm, da gibt es nicht so viel zu hinterfragen.

          You tell me. (lacht)

          Wen meint denn das „wir“ im Titel „Wie wir begehren“? Oder richtet sich das Buch etwa nur an homosexuell Begehrende?

          Nein. Das „wir“ ist ein offenes „wir“. Das Buch stellt Fragen, die meist an Homosexuelle herangetragen werden, die aber für alle und jeden relevant sind. Wie entdeckt man seine eigene Sexualität? Entdeckt man die nur einmal oder immer wieder neu? Gibt es nur ein Erwachsenwerden? Verändert sich das Begehren im Laufe des Lebens? Ich glaube, das sind wichtige Fragen, die, wenn wir ehrlich sind, jeden beschäftigen.

          War es schwer, für etwas so Unbegreifliches wie Begehren eine Sprache zu finden? Schon das Wort „begehren“ ist ja heute gar nicht mehr so geläufig.

          Das ist ja gerade der Reiz: dass es schwer ist, dass es meist nur bruchstückhaft zugänglich ist, dass es mit jener Angst und Scham besetzt ist, die Konventionen erzeugen und die es erst mal zu unterwandern gilt. Am Anfang habe ich mich immer gefragt, was ich sagen soll, wenn mich jemand fragt, woran ich gerade arbeite. „Ich schreibe gerade über Gaza“ ist definitiv leichter zu verstehen als „Ich schreibe über das Begehren“. Ich hatte kurz mal die Idee, einfach zu sagen: „Ich schreibe über Sex.“ Da sind immer alle sofort begeistert, super, das finden alle immer erst mal toll, es weiß zwar keiner, was das eigentlich heißen soll, aber egal. Nur: es stimmte eben nicht. Begehren kann sehr viel mehr umfassen als Sex - Sehnsucht, Leidenschaft, Verlangen, Wollen . . .

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