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Carolin Emcke im Gespräch : Vom Zauber der Modulation

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Ich mag das Bild der Modulation für das Begehren, weil darin etwas Dynamisches, Ambivalentes, Offenes liegt. So wie die Tonarten, die Klangfarben eines musikalischen Stücks sich ändern können, so kann sich auch die Klangfarbe einer Person ändern. Die Art, wie wir lieben und begehren wollen. Und wie in einer Modulation Dreiklänge vieldeutig sind, einzelne Dissonanzen auf Kommendes verweisen können, wo sie sich dann plötzlich harmonisch einfügen, können auch Praktiken der Lust oder Formen des Verlangens vieldeutig sein. Das taucht in der Diskussion über Sexualität viel zu selten auf. Alles soll immer eindeutig sein.

Haben Sie nicht ein hoffnungslos altmodisches Buch geschrieben? Dieses Tasten im Ungefähren, dieses Wollen, aber nicht wissen, was, die durch die Grenzen der Phantasie gesteckten Grenzen der Lust, die Sie beschreiben, gibt es in einer heutigen Pubertät mit Internetanschluss doch gar nicht mehr.

Natürlich hat mein Buch mit einer ganz bestimmten historischen Zeit zu tun. Einer Jugend in den siebziger und achtziger Jahren. Einer Zeit, in der es noch möglich war, den ganzen Tag im Wald zu verbringen. Ich kam mittags aus der Schule und verschwand im Wald, aus dem ich erst abends wieder zurückkam. Ich würde vermuten, dass so etwas heute unmöglich wäre, weil es zu angstbesetzt wäre und weil Kinder leider auch gar nicht mehr so viel Zeit haben. Dieses Herumstromern oder auch Langeweile, das gibt es wahrscheinlich nicht mehr so. Ob aber Jugendliche heute ihre eigene Phantasie wirklich über eine pornographische Kultur ausbilden, weiß ich nicht. Ich würde eher denken, nein. Aber ich kann es nicht beurteilen.

Eine überraschende Erkenntnis, die ich aus Ihrem Buch gewonnen habe: Dick und Doof waren schwul?

Und Ben Hur? Jetzt sagen Sie bloß nicht, dass Ihnen das auch nie aufgefallen ist.

Nee.

Manchmal dauert es, bis man darauf kommt. Ich habe auch erst sehr spät gemerkt, wovon der „Erlkönig“ eigentlich erzählt.

Ein Vater möchte seinen kranken Sohn wohin bringen.

Sie müssen das noch mal lesen. Wirklich. Der Vater tut die ganze Zeit so, als wäre der Sohn im Fieberwahn, und wehrt den Jungen ab. Aber was der Sohn verzweifelt erzählt, klingt nach Missbrauch durch einen Erwachsenen. Mir fiel das erst auf, als ich es im Konzert gehört habe. Da war gerade der Missbrauchsskandal mit der katholischen Kirche, Odenwaldschule, und ich saß in der Philharmonie und las den Text im Programmheft mit - „und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt“ - und denke auf einmal: Das darf doch nicht wahr sein. Das war mir vorher nie aufgefallen.

Einer Ihrer Mitschüler, Daniel, hat sich nach dem Abitur das Leben genommen. Er war kein enger Freund von Ihnen, dennoch beschäftigt es Sie bis heute, warum er es getan hat. Als möglichen Grund nennen Sie im Buch sein „einsames Begehren“.

Was der Grund wirklich war, weiß ich nicht. Ich kann das nur mutmaßen. Ich glaube, jeder, der über seine eigene Pubertät nachdenkt, hat Erinnerungen an Rituale von Ausgrenzung. Wie plötzlich Menschen abgelehnt werden, ohne dass sich so genau festmachen ließe, warum das so ist. So erging es diesem Mitschüler von mir. Vielleicht hat er sich nach einer anderen Erotik gesehnt als der, die zur Verfügung stand, einem anderen Lieben, und ist zugrunde gegangen an dem Schweigen über das Begehren. Das ist einer der Gründe für dieses Buch, eine Geschichte zu erzählen, die dieses Schweigen aufbricht, eine Erzählung, in der andere ein Drehbuch für sich erkennen können, einen Horizont, der homosexuelles Lieben nicht mit Angst und Leid verbindet, sondern mit Glück und Erfüllung.

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