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Carolin Emcke im Gespräch : Vom Zauber der Modulation

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Sie versuchen auszuloten, wie Sie Ihre eigene Sexualität entwickeln oder finden konnten. Also woher Sie irgendwann wussten, dass Sie Frauen lieben, obwohl Ihnen das niemand vorgelebt hat.

Soziologen würden sagen, dass es „Scripts“ braucht, durch die wir uns entdecken und begreifen. Wir brauchen Drehbücher, Erzählungen, Filme, aus denen wir Vorlagen für Lebensentwürfe nehmen, um uns vorstellen zu können, wer wir sein, wie wir lieben und leben wollen. Wie aber entdeckt man seine eigene Sexualität, wenn sie abweicht von den herkömmlichen Bildern und Geschichten? Wie kommt man darauf, sich selbst anders zu deuten, als es einem die konventionellen, traditionellen Geschichten nahelegen?

Wie war das denn bei Ihnen? Beziehungsweise, das weiß ich ja aus Ihrem Buch: Sie haben gemerkt - da waren Sie 25 -, dass Sie eine bestimmte Frau begehrten.

Besonders schnell war ich jedenfalls nicht. (lacht) Natürlich wusste ich vorher, dass es Homosexualität gibt, aber es blieb immer im Ungefähren. Homosexuelle waren für mich wie eine seltene Spezies, wie Wüstenfeldmäuse, von denen man wusste, dass es sie gab, aber man traf deswegen doch nie eine. Ich kann auch nicht sagen, ob ich mich bis dahin nicht auch schon in Frauen verliebt - wahrscheinlich ja - und es nur nicht begriffen hatte.

Sie schreiben über die juristischen Unterschiede, die zwischen weiblichen und männlichen Homosexuellen gemacht wurden. Während, was die Männer angeht, die Angst zu herrschen schien, dass sich ihr Schwulsein wie eine Seuche ausbreiten könne, war weibliche Homosexualität nie verboten.

Das Klischee über Sex zwischen Frauen ist: Die haben keinen. Die wollen eigentlich nicht so richtig. Das Klischee hat mit Unlust zu tun. Dazu ist zu sagen, nee, nee, das hat schon was mit Lust zu tun! (lacht) Frauen lieben Frauen, Frauen begehren Frauen, Frauen schlafen mit Frauen, weil sie mit Frauen schlafen wollen - nicht, weil sie mit niemandem schlafen wollen. Oder nur kuscheln. Historisch wurden homosexuelle Frauen oft als weniger bedrohlich wahrgenommen als homosexuelle Männer, und selbst in Ländern, in denen Homosexualität noch heute verboten ist, wird in den Gesetzen oft explizit nur von Männern gesprochen. Als ob Frauen keine sexuellen Subjekte wären.

Was hat Ihr Musiklehrer mit alledem zu tun? Sie schreiben mit großer Zuneigung über ihn.

Es war einfach ein Glück, diesen Lehrer zu haben. Es war ein Glück, in seinem Unterricht Musik zu entdecken, zu lernen, dass es in der klassischen Musik so etwas gibt wie ein Motiv, das variiert werden kann; dass es Abweichungen, Abwandlungen, Variationen geben kann, das hat mir als Prinzip die Vorlage gegeben, das eigene Abweichen, die eigene Variation von dem, was die Norm ist, akzeptieren zu lernen. Musik war die Sprache, die mir Freiheit erschlossen hat. Das war eben nicht Literatur, nicht Film wie bei so vielen anderen, sondern Musik. Mein Buch ist insofern nicht nur ein Buch über das Erwachsenwerden, sondern auch eine Erzählung über die Bedeutung von Musik.

Besonders viel schreiben Sie über Modulation.

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