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Carolin Emcke in Berlin : Die Erwartung, nicht gedemütigt zu werden

Die, die sich auslieferte, hätte das Publikum gern mehr zu Ausgelieferten machen können: Carolin Emcke Bild: dpa

Lesung, Monolog, Predigt, Performance? Carolin Emcke denkt mit „Ja heißt ja und...“ in der Berliner Schaubühne laut über sexualisierte Gewalt und die MeToo-Bewegung nach. Sie blickt dabei vor allem in eine Richtung.

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          Als die Journalistin, Buchautorin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke am Sonntagabend im „Globe“-Theater der Berliner Schaubühne auf der leicht abgedunkelten Bühne Platz nahm, ganz in Schwarz mit weißen Turnschuhen, war denen, die zuhörten, nicht ganz klar, was sie erwartete: Eine Lesung? Eine Performance? Ein Theatermonolog? Eine Predigt? „Ja heißt ja und...“ hieß der Titel des Abends. Emcke saß auf einem hohen Stuhl an einem Pult, auf dem die Mappe mit dem Text lag, den sie für diesen Abend geschrieben hatte. Neben ihr, auf einem zweiten erhöhten Tisch, stand ein Laptop, mit dem sie zwischen den „Miniaturen und Fragmenten“, wie sie ihre Texte nannte, Streichquartettmusik von Schostakowitsch und Terry Riley oder Lieder von Bobby McFerrin und der Rapperin Young M.A. einspielte.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Am Anfang ist der Zweifel“, waren die ersten Worte, die sie durch das Headset-Mikrofon sprach. „Am Anfang ist der Zweifel an dem, was gesagt werden würde.“ Das war der hohe Carolin-Emcke-Ton, den kennt, wer ihre Kolumnen in der „Süddeutschen Zeitung“ und wer ihre Bücher liest. „Gegen den Hass“ heißt der Essay, den sie zuletzt veröffentlichte, eine Streitschrift gegen Demokratiefeindlichkeit und Fanatismus. Ihre „Lecture Performance“ nun umkreiste die #MeToo-Debatte – allerdings ohne das „#MeToo“-Wort dabei allzu oft zu nennen. Denn das, was die Wendung ja auch meint, dass es uns alle betrifft oder umgibt, das sollte die Performance durch die Anwesenheit von Körpern im Theaterraum inszenieren und zugleich reflektieren. Das war gemeint, wenn Emcke, die zwischen Erzählung und Analyse changierte, sagte, dass sie bei diesen Texten schon während des Schreibens das Gefühl hatte, dass sie gesprochen werden müssten, vorgetragen in einer Situation, in der sie sich selbst auch den Blicken der Zuschauer auslieferte.

          Man muss es benennen

          So sprach sie ihre erhellenden und immer präzise formulierten Reflexionen in den dunklen Raum hinein, während auf eine Leinwand in ihrem Rücken unscharfe Schwarz-Weiß-Fotografien projiziert wurden. Sie fragte sich, warum ihr, wie allen anderen Kindern auch, auf dem Schulweg und dem Weg nach Hause gesagt wurde, dass sie sich nicht ansprechen lassen solle von Fremden, dass aber, worin die Gefahr lag, dabei nie benannt wurde. Sie erkannte darin etwas Komplizenhaftes, das sie kritisierte: „Um sich etwas vorstellen zu können, muss man es benennen können.“

          In einer anderen Passage dachte sie über die Obsession mit dem „Bademantel“ in den „#MeToo“-Geschichten nach, immerzu käme darin ein Bademantel vor, der deplaziert wirke. Sie fragte: „Ist ahnungslos, naiv oder selbst schuld, wer erwartet, nicht gedemütigt zu werden?“ Sie erzählte von einer Situation, die sie selbst erlebt hatte, als sie als Journalistin arbeitete und einen Anruf des Herausgebers bekam, der ihren Text am Telefon sehr lobte – und ihr „über alles geliebter Ressortleiter“ ihr versicherte, dass, wenn der Herausgeber sie jetzt zu sich nach Hause einlade, er sie begleiten würde. Sie wurde nicht eingeladen. Aber der Ressortleiter wusste, was ihr passieren würde, wenn sie – wie viele andere vor ihr – eingeladen würde.

          Sie trug einen Text über ein Essen vor, bei dem eine Freundin von ihrem Mann im Schlafzimmer geschlagen wurde, während die Freunde, darunter auch Emcke, im Esszimmer am Tisch saßen. Und sie fragt sich, warum – als die Freundin mit den Spuren des Schlags im Gesicht zum Tisch zurückkehrte – es für sie nur zwei Optionen gegeben habe: die Freundin und ihr Baby mit zu sich nehmen – oder sie dazulassen und zu gehen. „Einfach in das Zimmer zu gehen, wo der Mann sich verbarg und ihn damit zu konfrontieren, davor hatte ich keine Angst, darauf bin ich noch nicht einmal gekommen.“ Und sie erzählte die Geschichte eines Jungen in einem Wärterhäuschen, 2001 in Kabul, in dem sie ein Interview führte, aber erst sehr viel später begriff, dass dieser Junge ein Privatgefangener der Nordallianz war, der, wie viele andere, in jeder Hinsicht, also auch sexuell, missbraucht wurde.

          Während sie sprach, muss es eigentlich so dunkel gewesen sein, dass sie die Gesichter des Publikums nicht erkennen konnte. Am Ende, als das Licht wieder anging, jubelte das Publikum. In der Schaubühne ist Carolin Emcke zu Hause, hier organisiert sie seit vielen Jahren den „Streitraum“. Darauf, die Menschen, die hier saßen, direkt anzusprechen, verzichtete sie in ihrer Performance. Auch nahm sie auf die Frage, was die „#MeToo“-Debatte bewirkt hat und was nicht, also auf das Jetzt, keinen Bezug. So wurde ihr kluger Text zwar in ein Jetzt hineingesprochen, handelte aber vor allem von Vergangenem. Die, die sich hier auslieferte, hätte das Publikum gern mehr zu Ausgelieferten machen können. Dann wäre die Performance so beunruhigend gewesen wie das Thema, von dem sie handelte.

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