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Büchnerpreis für Jürgen Becker : Von ganzem Herzen kleinlaut

Jürgen Becker ist der diesjährige Büchner-Preisträger: Eine Entscheidung, die mühelos zu begründen, aber auch mutlos und unaufgeregt ist. Bild: dpa

Seit vierzig Jahren ist der Lyriker Jürgen Becker Mitglied der Institution, die ihm jetzt den Büchnerpreis zuspricht. Das wirft eine Frage auf: Wie viel Zeit darf eine Akademie sich für ihre Entscheidungen lassen?

          Vorwärtsverteidigung war noch nie die Sache der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Der Sturm der Empörung, den Sibylle Lewitscharoff, die letztjährige Preisträgerin, mit ihren Äußerungen zur Reproduktionsmedizin ausgelöst hat, musste auch die Darmstädter Akademie ordentlich durchschütteln. Die Erschütterungen waren so heftig, dass sich Akademiepräsident Heinrich Detering veranlasst sah, sich in einem Offenen Brief von den Äußerungen der Preisträgerin zu distanzieren. Die überwiegend wenig schmeichelhaften Kritiken, die Sibylle Lewitscharoff kurz darauf für ihren jüngsten Roman „Killmousky“ erhielt, dürften auch nicht viel dazu beigetragen haben, den ramponierten Glanz der aktuellen Preisträgerin wieder aufzupolieren.Dass all dies bei der Suche nach dem diesjährigen Preisträger eine Rolle spielen würde, war anzunehmen. Deshalb galt eine überraschende oder sogar provokante Entscheidung als unwahrscheinlich.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn die Akademie die Wogen, die die letztjährige Preisträgerin aufgewühlt hatte, schon nicht glätten konnte, dann sollte der diesjährige Büchnerpreisträger wenigsten keine neue Kontroverse auslösen. Die Frage war daher eigentlich nur: Würde die Akademie einen Preisträger küren, der unanfechtbar ist, oder würde sie eine Entscheidung treffen, die eher den Kategorien mutlos, kleinlaut und verhuscht zuzurechnen wäre?

          Mit Jürgen Becker hat die Akademie nun eine Wahl getroffen, die beides ist: unanfechtbar und mutlos, mühelos zu begründen, aber leider nicht gerade aufwühlend. Dabei wurde diese Entscheidung keineswegs halbherzig getroffen. Im Gegenteil, sie ist mit ganzem Herzen kleinlaut.

          Nach langer Beobachtungsphase

          Becker, Jahrgang 1932, galt in den sechziger Jahren als einer der interessantesten Vertreter einer neuer experimentellen Lyrik und hat seitdem zahlreiche Lyrikbände, Hörspiele und Prosatexte veröffentlicht. Die Reihe seiner Publikationen ist so lang und eindrucksvoll wie die Reihe der Auszeichnungen, die er dafür erhalten hat. Den Anfang machte vor genau einem halben Jahrhundert der Niedersächsische Förderungspreis für junge Künstler, es folgte 1967 der Preis der Gruppe 47. Allein die Reihe jener Preise, die nach großen Kollegen Beckers benannt sind, ist imponierend: Huchel, Böll, Johnson, Lenz, Schiller, Eich. Becker, im Brotberuf lange Jahre Redakteur beim Deutschlandfunk, war immer ein innovativer und höchst reflektierter Autor, der elegant und kunstvoll zwischen den Gattungen Lyrik und Prosa zu wechseln verstand, aber wie viel Zeit darf eine Akademie sich nehmen, um dies zu bemerken und zu honorieren?

          Becker, der in Köln geboren wurde, lebt seit langem im Bergischen Land, in einer Landschaft, die zum Hintergrund eines Werks wurde, das sein Verfasser selbst als „geduldige Chronik“ bezeichnet hat. In Gedichtbänden wie „Das Ende der Landschaftsmalerei“ (1974), „Odenthals Küste“ (1986), „Journal der Wiederholungen (1999), „Dorfrand mit Tankstelle“ (2007) und zuletzt, 2012, „Scheunen im Gelände“ hat Becker mit „bildlicher Brillanz“ und „Lust am leuchtenden Detail der umgebenden Natur“ stets eine von den Spuren der Geschichte und ihren Katastrophen gezeichnete Landschaft erkundet, wie es in der Begründung der Jury heißt, die Becker zurecht als eine maßgebliche Stimme der zeitgenössischen Poesie würdigt. Niemand wird seinen Rang bestreiten, niemand wird leugnen, dass Beckers Werk die „deutschsprachige Dichtung über Generationen entscheidend geprägt“ hat. Und niemand wird behaupten, dass die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung eine überstürzte Entscheidung getroffen hätte. Sie hat den Büchnerpreisträger des Jahres 2014 über viele Jahre hinweg aufmerksam beobachtet: Jürgen Becker ist seit 1974 Mitglied der Akademie, die ihn jetzt ehrt.

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