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Büchnerpreis für Lukas Bärfuss : Schulabbrecher und Autodidakt

Krieg den Palästen des Schweizer Kapitals: Lukas Bärfuss Bild: Imago

Lukas Bärfuss erhält den Büchnerpreis zu Recht: Die Romane des Schweizer Schriftstellers und Dramatikers sind eingreifend, empathisch und stilistisch brillant. Aber er beherrscht auch die gesellschaftliche Kontroverse.

          In seinem jüngsten Roman „Hagard“ geht ein Immobilienentwickler im Laufe zweier Tage der Welt verloren und sich selbst. Nicht in der Wildnis verirrt er sich, sondern inmitten der Großstadt, in Zürich. Aus einer Laune folgt er im Feierabendgedränge einem Paar „taubenblauer Ballerinas“, die er zufällig erblickt. In den nächsten sechsunddreißig Stunden wird aus dem Verfolger eine Verfolgter, dem sein Auto, seine Kleidung, seine Nerven und schließlich seine bürgerliche Existenz abhanden kommen. Die Reminiszenz, die Lukas Bärfuss in „Hagard“ aufspannt, ist offensichtlich. Denn was einem Menschen widerfahren kann, der sich an ein vermeintlich unerreichbares Ziel heftet, lässt sich bereits in Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“ studieren, in dem ein Inspektor daran zerbricht, die selbstgestellte Aufgabe nicht erfüllen zu können.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Neben Kleist, auf den sich Lukas Bärfuss so oft beruft, sind die Spuren der Schweizer Säulenheiligen Frisch und Dürrenmatt in diesem Werk unverkennbar. Bärfuss’ Augenmerk vor allem in seiner Prosa gilt dem Mann der Gegenwart, der von einer Lust am Kontrollverlust getrieben ist, dessen Selbstversuch ins Ungewisse zielt und der einer Umwelt zu entkommen sucht, die er als zudringlich empfindet. Die Novelle „Die toten Männer“ (2002) ebenso wie die Romane Koala“ (2014) und „Hundert Tage“ (2008), sein wohl bestes Buch, durchzieht wie auch „Hagard“ eine umfassende Ausweglosigkeit. Im Zentrum jedes dieser Texte bewegt sich ein Mann durch eine urplötzlich fremde Umgebung: Mal geht es in die Tessiner Seenwelt, mal nach Ruanda, mal in Bärfuss’ Heimatstadt – um von dort in einer imaginären Volte in Australien zu landen. So unterschiedlich die Bücher sind, stehen die Perspektivfiguren stets unter dem Eindruck extremer Gewalterfahrung.

          Sein literarisches Debüt „Die toten Männer“, das erschien, als Lukas Bärfuss bereits zu den meistgespielten Dramatikern an deutschsprachigen Bühnen zählte, ergründet die Auswirkungen seelischer Gewalt. Da wähnt sich ein erfolgreicher Buchhändler plötzlich als Gefangener seiner eigenen Existenz und versucht die Fesseln zu sprengen, indem er sich allem verweigert, der Liebe, dem Schlaf und selbst dem Essen. Doch die Selbstvernichtung scheitert, statt dessen endet er über den Umweg eines Mordes just an dem Ort, dem er mit allen Mitteln entkommen wollte: seinem Zuhause. Das unerhörte Ereignis dieser Novelle aber ist, dass die Justiz den zum Mörder gewordenen Lebensverweigerer straflos davonkommen lässt.

          Die Schweiz, ein Kerker

          Das vermeintliche Schweizer Idyll, oftmals von Bärfuss porträtiert als ein von Bougainvilleen und Rhododendren umhegter Kerker, stößt selbst denjenigen in die Freiheit zurück, der sich stellen will. Auch in „Hundert Tage“ macht ein junger Schweizer eine Erfahrung der Ausweglosigkeit. Der Gutmensch aus den Schweizer Bergen erlebt den Völkermord der Hutu und Tutsi aus nächster Nähe und muss begreifen, dass alles, woran er in den vergangenen Jahren gearbeitet hat, sich als Trugbild erweist. Erst im Rückblick erfasst er die Tragweite der Ereignisse: Dass alle sich schuldig gemacht haben. Die Herrscher in Ruanda, die ihre Nachbarn binnen hundert Tagen massenhaft töten ließen wie auch die beschämend ahnungslosen Schweizer Entwicklungshelfer.

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