https://www.faz.net/-gr0-9ouzf

Büchnerpreis für Lukas Bärfuss : Schulabbrecher und Autodidakt

In „Koala“ schließlich begibt sich der Erzähler auf die Suche nach den Spuren des Bruders, der sich das Leben genommen hat. Die erlittene Gewalt wird hier erfahrbar. Nicht nur im Schicksal des Selbstmörders sondern auch dem des Hinterbliebenen, der Trauer, Wut, Vorwürfen und Selbstvorwürfen ausgesetzt ist und verzweifelt nach der Frage sucht, die zur Antwort passt, „die er uns allen gegeben hatte“ – dem Selbstmord. Am Ende dieser radikalen Prosa formuliert Bärfuss die Anfangsfrage um: Sie lautet nicht mehr, warum sich jemand das Leben nimmt, sondern warum alle anderen dies nicht tun, und verknüpft sie mit den ganz großen Themen: Welches Leben wollen wir führen? Führen wir das Leben, das wir wünschen? Oder wünschen wir das Leben, das uns möglich ist?

Keiner Ambivalenz weicht er aus

Darunter macht es Bärfuss nicht. Das mag man für vermessen halten und gelegentlich wird ihm ein moralischer Rigorismus vorgehalten. Aber Bärfuss schreibt keine Thesenromane, wenn er von menschlichen Defiziten, gesellschaftlichen Abgründen, von Ausbeutung oder dem Zusammenhang von Religion und Gewalt schreibt. Er unterläuft die simple Unterscheidung zwischen Richtig und Falsch, so dass sich seine Romane auch nicht ausrechnen lassen. Bärfuss schreibt eingreifend, er schreibt ernsthaft, empathisch und sprachlich gekonnt. Aber er weicht keiner Ambivalenz aus.

Mit jedem Buch setzt er neu an, teilt mal als Novelle, mal als Tatsachenroman, als Trauerbuch oder in Essays mit, was ihn umtreibt. Er erzählt wirklichkeitshaltig, erkundet die moralische Tragweite von Politik und schreibt über den Einzelnen, „was den Einen von dem Anderen unterscheidet“, wie er seine Poetologie einmal beschrieben hat. Was ihn von der Mehrheit seiner situierten Mitbürger unterscheidet, ist schon in seiner Biographie angelegt: Geboren 1971 in Thun, Schulabbrecher ohne festen Wohnsitz, hielt er sich viele Jahre mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis er unerwartet und über Umwege zu den Büchern fand. Die Bibliotheken suchte der Autodidakt wie ein Entdecker auf. Der Siebzehnjährige las, was er in die Finger bekam. Mit zwanzig beschloss er, Autor zu werden. Er gründete ein Künstlerkollektiv, schrieb Hörspiele und Theaterstücke. Vor allem das Theater bot ihm die Möglichkeit, die Wirkung seiner Worte und Sätze unmittelbar studieren zu können. „Wir waren halbe Preise“, schreibt er in „Stil und Moral“ über seine Jugend, „unsere Eltern waren Säufer oder minderbemittelt, manchmal beides zusammen. Wir warnen jung und hatten Pickel und schämten uns für alles, was wir waren und was aus uns werden sollte.“

Die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Mit dem Erfolg von Stücken wie „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ oder „Der Bus“ wurde seine Dramatik präziser,  er behandelte Themen wie Religion oder Sterbehilfe und wurde 2005 zum wichtigsten Dramatiker des Jahres gekürt, für einige Jahre war er Dramaturg und Hausautor am Schauspielhaus Zürich.

Eine Konstante in seinem Werk ist die Kritik an seinem Heimatland. Mit einem in dieser Zeitung veröffentlichten Essay „Die Schweiz ist des Wahnsinns“ löste er drei Tage vor der dortigen Parlamentswahl mit seiner Fundamentalkritik am politischen, sozioökonomischen und kulturellen Zustand des Landes eine gesellschaftliche Kontroverse aus. Es wird nicht die letzte sein, die Lukas Bärfuss angezettelt haben wird.

Weitere Themen

„Tatort: Was wir erben“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Tatort: Was wir erben“

Der Tatort „Was wir erben“ läuft am Sonntag, den 25. April 2021 um 20.15 Uhr im Ersten.

Topmeldungen

Drei Nachbarländer öffnen : Viel Not, wenig Bremse

Trotz hoher Inzidenzwerte wollen drei Nachbarländer Deutschlands Schulen, Geschäfte oder Kinos öffnen. Warum gehen Frankreich, die Niederlande und Österreich diesen Schritt?
Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) im Kieler Landtag

Daniel Günther im Gespräch : „Laschet kann Wahlen gewinnen“

Daniel Günther, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, verteidigt die Entscheidung für Armin Laschet, hält das Corona-Regelwerk für ausreichend und will auch im F.A.Z.-Interview nicht gendern.

Ärger bei Klopp und Guardiola : „Das ist unmöglich“

Im Wirbel um die Super League hat die Uefa ihre Champions-League-Reform nahezu geräuschlos durchgewunken. Diese neuen Pläne sorgen nun für heftige Kritik. Spieler und Trainer äußern Befürchtungen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.