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Heinrich Böll : Mit imaginärem Ausrufezeichen

Ein Schriftsteller des Medienzeitalters: Heinrich Böll Bild: Picture-Alliance

Mit ihm starb die deutsche Nachkriegsliteratur, niemand stand so programmatisch für sie wie Heinrich Böll. Zum Jubiläumsjahr sind nun drei Bücher erschienen, die sein Leben erklären wollen.

          Wer die bedeutendsten, bekanntesten und meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts seien, wollte das Allensbacher Institut für Demoskopie im Sommer 2005 wissen. Die Umfrage ergab: In allen drei Kategorien standen Thomas Mann und Bertolt Brecht auf den Plätzen eins und zwei. In Sachen Bedeutung lag Heinrich Böll mit Hermann Hesse auf Rang vier, vor ihnen fand sich mit Günter Grass ein einziger damals noch lebender Autor unter den ersten zehn. Mit Grass teilte sich Böll den dritten Platz in Sachen Bekanntheit, 83 Prozent der repräsentativ Befragten wussten um ihn. Ganz allein auf dem dritten Platz landete Böll bei der Lektürefrequenz. In toto 34 Prozent gaben an, schon einmal etwas von ihm gelesen zu haben, stattliche 46 Prozent konnte er bei den weiland Sechzehn- bis Neunundzwanzigjährigen verbuchen. So sieht das Profil eines Gegenwartsklassikers aus.

          Ralf Schnell: „Heinrich Böll und die Deutschen“. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 237 S., geb., 19,– .
          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Im gerade erschienenen Porträtessay „Heinrich Böll und die Deutschen“ teilt Ralf Schnell, emeritierter Germanist der Uni Siegen, einige Erfolgszahlen mit, die das einstige Umfrageergebnis aktuell untermauern. Bölls bis heute bestverkauftes Buch ist die Anti-„Bild“-Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974), ein effektvolles Exempel gelungener Kolportage – 2,7 Millionen Exemplare. Es folgen das „Irische Tagebuch“ (1957) mit 1,9 und der Roman „Ansichten eines Clowns“ (1964) mit 1,8 Millionen – Ersteres das Kontrastbuch zur bundesrepublikanischen Borniertheit, Letztere die in den besten Szenen an Becketts „Warten auf Godot“ erinnernde Gesellschaftsskizze von existentiell Verlorenen. Auf jeweils knapp eine halbe Million bringen es die Romane „Billard um halb zehn“ (1959) und „Gruppenbild mit Dame“ (1972), Bölls trotziges Gegenstück zu Fontanes „Effi Briest“.

          Verblasster Gutmensch, etwas anachronistisch

          Gestorben ist Böll im Juli 1985, vor hundert Jahren wurde er geboren. Seit geraumer Zeit sind seine Person und sein Werk Figuren in einem Schlechte-Laune-Spiel mit Namen „Was bleibt?“. Er sei ein guter Mensch gewesen, heißt es, also ein Gutmensch. Seine Romane und Erzählungen seien verblasst, sein politisches und gesellschaftskritisches Engagement wirke zwar wacker, aber etwas anachronistisch. Zu diesen Befunden gibt es Varianten. Mal findet man, Variante eins, das erzählerische OEuvre, die späten Romane „Fürsorgliche Belagerung“ (1979) und „Frauen vor Flusslandschaft“ (1985) unbegreiflicherweise eingeschlossen, dann doch unterschätzt, also einer wertsteigernden Neulektüre wert. Mal wird, Variante zwei, das Fehlen eines moralischen Mahners von Bölls Kaliber dann doch beklagt und nach einem möglichen Nachfolger, einer möglichen Nachfolgerin Ausschau gehalten. Das Spiel „Was bleibt von Böll?“ wird dadurch nicht besser. Es stellt schlicht die falsche Frage. Die richtige lautet: Was ist von der Literatur geblieben – ohne ihn?

          Was die Literatur mit ihm war, zeigt sich vor allem an der Aufnahme der frühen Prosa – von „Der Zug war pünktlich“ (1949) bis eben zu „Ansichten eines Clowns“ (1963). Als im Frühjahr 1953 „Und sagte kein einziges Wort“ erschien, der Eheroman im katholischen Kleinbürgermilieu vor der Kulisse des zerbombten Kölns, urteilte Karl Korn, damals Herausgeber und Feuilletonchef dieser Zeitung: „Wenn mich künftig einer fragt, was denn die Deutschen heute an Büchern von wirklicher Kraft und Wahrhaftigkeit vorzuweisen hätten, werde ich den Böll nennen.“ Nicht unähnlich im Ton wird wenige Monate danach Korns Kritik von Wolfgang Koeppens „Das Treibhaus“, dem ersten politischen Roman der Bundesrepublik, konstatieren: „Literatur, wie sie nur selten erreicht wird.“

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