https://www.faz.net/-gr0-9toz0

Britische Autoren in Berlin : Sie lieben uns noch

Mit Jojo Moyes, Lee Child und Kate Mosse auf „Friendship Tour“: der britische Bestseller-Autor Ken Follett Bild: dpa

Vier britische Bestsellerautoren setzen ein Zeichen gegen den Brexit. Und obwohl die Lage bitterernst ist, wird viel gelacht. Ein Berliner Abend mit Ken Follett, Jojo Moyes, Lee Child und Kate Mosse.

          3 Min.

          Britischer Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es ging an diesem Abend im Berliner Haus des Rundfunks um den Brexit, vielmehr: um ein Symbol gegen den Brexit. Vier Bestsellerautoren schlossen sich zusammen, um auf ihrer „Friendship Tour“ durch Europa ein Zeichen der Freundschaft auszusenden: Ken Follett, Kate Mosse, Jojo Moyes und Lee Child. Vier britische Autoren, die sich als Europäer verstehen und fassungslos sind über das Vorhaben ihres Landes, aus der Europäischen Union auszutreten.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Es hätte kämpferisch werden können, wütend und traurig, was in einer typisch deutschen Sicht wohl die angemessene Reaktion auf den Ernst der Lage gewesen wäre. Doch der Abend, der vom Rundfunk Berlin-Brandenburg veranstaltet und im Sender radioeins ausgestrahlt wurde, war vor allem eines: ausgesprochen unterhaltsam. Die vier Autoren hätten in Deutschland Millionen von Lesern, deshalb seien sie hier, sagt Follett: „We still love you.“ Im Ausland sei der Eindruck entstanden, alle Briten begrüßten den Brexit. Doch das sei nicht wahr, beteuert Moyes. Sie sei schockiert darüber, was in Großbritannien gerade passiert. „Denkt nicht über uns alle schlecht“, sagt Child, „nur über manche.“ Er lacht. Und die Zuschauer lachen mit.

          Aber schon in diesen Andeutungen drängt sich eine systematische Frage auf: Ist fiktionale Literatur überhaupt der richtige Ort, um gesellschaftliche Umbrüche dieses Ausmaßes zu reflektieren? Können Schriftsteller, die im Erfinden von Geschichten und weniger in der politischen Analyse geschult sind, dazu etwas Sinnvolles beitragen? Wenn es nach Kate Mosse geht, unbedingt. Schriftsteller erhielten die Wahrheit aufrecht, die Wahrheit über das, was die Menschen fühlten: „Alles, was wir machen, ist politisch.“ Jedes Schreiben, jedes Lesen sei politisch. Sie könne nicht nachvollziehen, pflichtet Moyes ihr bei, wie Autoren sagen könnten, sie seien nicht politisch. Sehr konkret wurden die Schriftsteller in diesen Proklamationen allerdings nicht. Offen blieb somit auch die Frage, welche Folgen dieses erweiterte Verständnis nicht nur von politischer Literatur, sondern auch des Politischen an sich für das Schreiben und Lesen hat. Ist jede Geschichte schon dadurch politisch, dass sie in einer erdachten Gesellschaft spielt, die von der realen beeinflusst ist? Und warum sollte es die Politik kümmern, was Literaten sich ausdenken?

          „Wenn wir eines Tages wieder bei euch anklopfen“

          Die britischen Autoren üben sich derweil in Zweckoptimismus: Die junge Generation wird’s schon richten. Eines Tages werden die Jungen rebellieren und alles daransetzen, Großbritannien wieder in die Europäische Union zu integrieren, ist sich Mosse sicher. War es aber nicht vor allem die jüngere Generation, die sich beim Brexit-Referendum der politischen Stimme enthielt? Sei’s drum: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Natürlich können die vier Schriftsteller den Brexit nicht aufhalten, geschweige denn die politisch Abgewanderten einfangen und zurück in die Mitte der Gesellschaft bringen. Insofern hat ihr Selbstverständnis als Vertreter einer politischen Literatur dort eine Grenze, wo sie genau diejenigen nicht erreichen, die es eigentlich am nötigsten hätten, um Europa als einigende Kraft wieder ins Bewusstsein zu bringen. Denn es schert die Abgehängten und innerlich Abgewanderten nicht, was die Schriftsteller schreiben. Sie haben ganz andere Sorgen. Sie fühlen sich durch die etablierten Institutionen der Gesellschaft nicht mehr vertreten. Sie misstrauen der Politik, der Presse, der Demokratie.

          Wie kann es gelingen, dass sie in den radikalen, anti-aufklärerischen Populisten nicht länger ihre letzte Rettung sehen? Das ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit, auf die die intellektuelle Elite Europas keine Antwort findet. Manchmal, weil sie sich vor lauter Bemühen, politisch korrekt zu reden und zu schreiben, selbst sprachlos macht. Manchmal, weil sich ihre politische Betätigung nur unter ihresgleichen bewegt und in Selbstbestätigung verharrt. Vor allem aber deshalb, weil die politische Weltlage extrem komplex und in ihren Krisenszenarien äußerst bedrohlich geworden ist.

          Gerade deshalb aber war es so wohltuend, dass es endlich einmal eine Veranstaltung aus Anlass einer Krise gab, die den Ernst der Lage nicht verkannte und die Zuhörer trotzdem nicht mit den bleiernen Gewichten des allgemeinen Leidens an der Welt zu Boden zog. „Wenn wir eines Tages wieder bei euch anklopfen, lasst uns bitte rein“, sagt Child und denkt an die Zukunft des Vereinigten Königreichs in Europa. Und man möchte ihm zurufen: „Ja, kommt endlich zurück!“

          Bücher-Podcast
          In der Januar-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Was verspricht der Bücherfrühling? Was ist von Ildikó von Kürthys jüngstem Roman zu halten – und was von Lisa Taddeos Buch „Three Women – Drei Frauen“?

          Zum Podcast

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Beliebter denn je: Eintracht Frankfurt hat derzeit viele Rekorde zu vermelden.

          Eintracht Frankfurt : „Das ist eine irre Entwicklung“

          Mitgliederrekorde, Umsatzrekorde, Beliebtheitsrekorde: Die Frankfurter Eintracht wächst über sich hinaus. Sie sieht sich als zweitbeliebtesten Bundesligaklub bei jungen Menschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.